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Bolz & Grätsch E010 – Die 90er: What is Bolz? Baby don’t Grätsch me!

Mit neonfarbenen Knicktlichtern am Arm und fetten Plateau-Buffalos an den Füßen, geht es für die beiden DJ-Bobo-Fanboys auf eine Zeitreise in das schrillste und bunteste Jahrzehnt des Fussballs: Die 90er! Es wird über die gute alte Zeit gequatscht, in der Max & Micha als Kinder ihre Liebe zum Gekicke entdeckten und bis heute nie verloren. Die vielen eigenen Anekdoten umarmen den geneigten Hörer mit dem wohligen Gefühl der Nostalgie und erwärmen sein Herz, wie eine dicke Helly-Hansen-Daunenjacke. Rave on!

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Nationalspieler – Ehre oder Belastung?

Die jüngsten Vorfälle um die scheinheiligen Absagen und der angeblich gefälschten Röntgenbilder der beiden türkischen Nationalspieler von Bayer Leverkusen, Calhanoglu und Toprak, nähren mal wieder die Diskussionen um Sinn und Unsinn von Länderspielen. Auch wenn die Absagen der beiden mit der Waffen-Affäre um Teamkollege Töre natürlich einen noch weitreichenderen Hintergrund haben, gibt es auch beim DFB genügend weitere Beispiele. Denn auch deutsche Nationalspieler standen schon mehrmals im Verdacht unwichtigere Länderspiele mit vorgeschobenen kleineren Blessuren abgesagt zu haben. Sei es aus Unlust, Reisestrapazen oder um dem Verein in wichtigen Phasen frisch zur Verfügung zu stehen.

Wenn man allgemein in die Fanbasis hineinfragen würde, ob es eine Ehre oder eine Belastung ist Nationalspieler zu sein, dann wäre die Meinung glasklar: Man sollte dankbar sein den Adler auf der Brust zu tragen, Demut vor dem Ganzen zeigen, stolz sein für das eigene Land auflaufen zu dürfen. Dann werden alte Anekdoten hervorgekramt, die vor Pathos nur so strotzen und meistens mit Gras fressen und bedingungslosem Kampf bis zur kompletten Erschöpfung zu tun haben. Die alten Recken von ’54, ’74 und ’90 haben sich ja schließlich auch auf dem Platz für uns zerrissen. Alles richtig und vom Fanherzen her absolut nachvollziehbar. Doch die emotionale, patriotische Seite ist nur die halbe Wahrheit.

Keiner der aktuellen Nationalspieler ist nicht mit stolz erfüllt, wenn er für den DFB bei einem Länderspiel auflaufen darf, das steht außer Frage. Das Problem, welches die Nationalspieler haben, liegt vielmehr im Bereich des Umfangs der Länderspiele. In den letzten Jahren ist der Kalender der einzelnen Verbände immer umfangreicher geworden. Jede Lücke wird quasi mit mehr und mehr Spielen gestopft. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Der Fussball und insbesondere die Nationalmannschaften vermarkten sich hervorragend und werfen viel Profit ab. Mehr Spiele bedeutet mehr Geld, einfache Rechnung aus Sicht der Funktionäre. Hier liegt dann auch der Unterschied zu vergangenen Generationen von Nationalspielern. Ein Länderspiel hatte früher mehr Wert, da heutzutage eine Inflation an Spielen herrscht.

Dass eine Qualifikation für das jeweils nächste Turnier stattfinden muss, ist unumgänglich. Den Umfang allerdings kann man anders gestalten. Schon länger bestehen Ideen für eine Vor-Qualifikation, bei der die kleineren Nationen zunächst mal unter sich sind. Thomas Müller äußerte sich nach dem Gibraltar-Spiel ähnlich und hinterfragte den Sinn solcher Spiele. Möchte man den Qualifikationsmodus nicht verändern, müsste die Anzahl der Freundschaftsspiele verringert werden. Denn diese sind für Testzwecke selten zu gebrauchen, da die Ernsthaftigkeit eines Pflichtspiels nicht simulierbar ist, egal wie sehr ein Trainer das auch kommuniziert. Lediglich die unmittelbare Vorbereitungsphase zwischen dem Ende der Vereinssaison und dem Beginn eines Turniers ist auch unter Testbedingungen wichtig.

Den Spielern fällt es also schwer die eigentliche Ehre, die ein Länderspiel beinhaltet, wahrzunehmen, wenn sie zusätzlich zu der ohnehin schon großen Belastung durch die Vereinsspiele noch Testspiele ohne Wert oder Qualispiele gegen Gegner mit nicht vergleichbarem Niveau auf Nationalelfebene absolvieren müssen. Anstatt die Spieler für ihre Einstellung zu kritisieren würde man es ihnen demnach wesentlich einfacher machen ihre Nationalmannschaftseinsätze zu schätzen, wenn man den Kalender endlich wieder verschlankt. Kein Nationalspieler hilft seinem Land weiter, wenn er durch die fehlende Regeneration nicht fit ist. Denn Ehre allein hilft dem Körper eines Profisportlers nicht der Belastung standzuhalten.

Der Weltstar, der keiner sein wollte

Nie passte wohl jemand weniger in die Rolle, die er im Weltfussball einnimmt, als der ruhige Miroslav Klose aus dem Nordpfälzer Bergland. Ein Loblied:

Dein Weg vom Bezirksligaspieler bis hin zum erfolgreichsten WM-Torschützen aller Zeiten ist beispiellos und passt so überhaupt nicht mehr zu den perfekt durchgeplanten Karrieren der Weltstars heutzutage.
Mit 20 Jahren hast du noch bei der SG Blaubach-Diedelkopf in der Bezirksliga gespielt. Das muss man sich heute mal auf der Zunge zergehen lassen. Mit 20 Jahren spielen heute viele Talente schon Champions League und sind bereits weltweit bekannte Stars, die Millionen verdienen.
Aber du nicht, du hast in dem Alter noch gegen Amateurkicker, vielleicht sogar auf Asche gespielt und hast keine Millionen verdient, sondern musstest an deinem Geburtstag eine Kiste Bier mitbringen.
Dir wurde deine Spielkleidung und deine perfekt geputzten, individuell bestickten Edel-Treter nicht ordentlich in den eigenen Kabinenspind gepackt. Nein, du musstest dir das nicht gebügelte Trikot selber aus dem Trikotkoffer nehmen, hattest eine Arschbreite auf der Umkleidebank Platz und wenn du deine strapazierten Vorjahres-Markenschuhe nicht eigens geputzt hättest, wärst du mit dreckigem Schuhwerk aufgelaufen und hättest wohl noch einen kleinen Obolus in die Strafenkasse zahlen müssen.

Erst nach Zwischenstationen in weiteren Amateurligen machtest du 2 Jahre später dann deine ersten Bundesligaspiele. Und dort sofort auf dich aufmerksam. Deine enorme Dynamik und dein außergewöhnlicher Torinstinkt machten dich schnell zu einer echten Größe in der Bundesliga.
Ab dort ging dein Weg dann steil bergauf.

Die erste Sternstunde sollte bei der WM 2002 folgen. In einem Team, was ohne Erwartungen in das Turnier gestartet war, spieltest du dich als absoluter Nobody im Weltfussball mit 5 Toren im Turnier ins Rampenlicht.

2004 wurde Kaiserslautern dann entgültig zu klein für deine Fähigkeiten und du machtest den nächsten Schritt zum SV Werder nach Bremen. Auch dort kamst du mit deiner besonnen Art sofort an und liest vor allem Tore sprechen. Das gipfelte dann 2006, als du die Torjägerkanone holtest um danach erneut eine furiose WM im eigenen Land zu spielen. 5 Tore reichten diesmal für den goldenen Schuh des besten Torschützen und ganz Deutschland lernte deine ruhige, angenehme Art zu schätzen.

Danach ging es für dich weiter in’s große München und selbst beim FC Hollywood, der für so viel Trubel steht, was überhaupt nicht zu dir und deinem Charakter passt, konntest du dich behaupten.

Bei der WM 2010 war deine Rolle in der Nationalelf eine andere. Du warst nun der Erfahrene in einer jungen, hungrigen Truppe. Diese Rolle konntest du perfekt ausfüllen, hast den Jungen Halt gegeben und abermals durch deine eigene Leistung dafür gesorgt, dass ein erfolgreiches Turnier gespielt wurde.

Als es dann in München für dich nicht mehr gepasst hat, bist du einen mutigen Schritt gegangen. Du hast den Schritt ins Ausland gewagt und deine Wahl fiel auf Lazio Rom. Das passte irgendwie auf den ersten Blick nicht zu dir, denn in Italien lieben sie vor allem die extrovertierten Spielertypen, die das Drama auf dem Platz verkörpern. So einer warst du nie.
Doch selbst dort wusstest du mit deiner Leistung derart zu überzeugen, dass sie dir einen Heldenstatus andichteten. In aller emotionaler Form, wie es in Italien üblich ist. Du nahmst es lächelnd zur Kenntnis, aber hast dir nie etwas darauf eingebildet.

Eine Marke, die für die Ewigkeit galt, war vor dir auch nicht sicher. Gerd Müller, der „ewige“ Rekordtorschütze des DFB, musste seinen Rekord an dich abtreten. Natürlich war die Quote des Bombers besser, da er wesentlich weniger Spiele für seine Tore brauchte, aber das war dir ohnehin bewusst. Demütig nahmst du diese Ehre daher an.

Am Ende deiner großen Karriere stand dann aber das wohl größte Highlight an. Die Wenigsten hatten dir zugetraut, dass du im fortgeschrittenen Fussballeralter von 36 überhaupt nochmal eine WM spielen könntest. Auch hier überzeugtest du mal wieder alle mit Taten und standest im Kader für die WM 2014. Denn du hattest mit diesem Turnier noch eine Rechnung offen. 14 WM-Tore hattest du bislang erzielt. Eins weniger, als der bisherige Rekordhalter Ronaldo.
Was sich dann allerdings in diesem magischen Sommer in Brasilien zugetragen hat, das hättest vielleicht nichtmal du selbst erwartet.
Du warst nicht als Stammspieler eingeplant, sondern wurdest von Joachim Löw in das im Endeffekt so wichtige „special team“ eingegliedert. Diese sollten von der Bank kommen und mit ihrer speziellen Einzelfähigkeit das Spiel in kurzer Zeit notfalls noch umbiegen. Deine war zweifelsohne das Toreschießen. Du nahmst die Rolle voll an und warst auch auf der Bank mit deiner Ruhe wertvoll für das Klima im Team. Ja, sogar die „Opa-Sprüche“ nahmst du mit Humor.
Bis dann deine Chance kam und du als Joker im Gruppenspiel gegen Ghana sofort stachst und das Remis retten konntest.
Dass du dich dann aber ab dem Viertelfinale nochmal in die Startelf gespielt hattest, ist genauso erstaunlich, wie die Tatsache, dass du mit deinem Treffer zum 2:0 gegen Brasilien im Halbfinale entgültig an Ronaldo vorbeizogst und mit 16 WM-Toren nun der alleinige Rekordhalter bist. In Rio de Janeiro konntest du dann ein für alle Mal die Krone auf deine große Karriere setzen und den WM-Pokal in die Höhe recken.
„WM-Rekordtorschütze und Weltmeister“, diese Titel klingen so viel pompöser, als ich dich je wahrgenommen habe.

Und so trittst du auch von dieser großen Bühne, leise und demütig. Du brauchst niemandem mehr etwas zu beweisen.

In diesem Sinne,
danke für alles, Miro!
Du bleibst als ein ganz Großer in Erinnerung, der nie einer sein wollte.

 

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