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Good old Bundesliga #03 – Die Kunst des Verlierens

Zweite Bälle im Fussball sind wichtig. Das lernt man schon früh in der fussballerischen Ausbildung und wird einem unabhängig von der Höhe der Spielklasse konstant ins stille Unterbewusstsein gehämmert. Auch wenn man in den ganz unteren Ligen, ein paar Zentimeter von der kompletten sportlichen Bedeutungslosigkeit entfernt, nicht sicher sein kann, ob der Trainer wirklich das Erobern von abgewehrten Bällen meint, wenn er “ZWEITER BALL!!!” schreit, oder gerade nur mal wieder der Spielball über den Fangzaun auf die nahe gelegene Kuhweide geflogen ist.

Doch auch am anderen Ende der Fussballnahrungskette in Deutschland können zweite Bälle entscheidend sein. Der Rekordmeister musste im Spiel gegen sein eigenes Fussballkryptonit aus Sinsheim (2 Niederlagen und ein Remis in den letzten 3 Spielen) lernen, dass ein zweiter Ball auf dem Spielfeld nicht zwangsläufig dazu führt, dass alles stehen und liegen gelassen werden muss. Mats Hummels machte danach erstmal das, was man heutzutage halt macht, wenn man etwas nicht weiß: Im Internet um Hilfe fragen. Und bekam auf Twitter auch fundierte Antworten. Gut, dass er sich für Twitter entschied. In den Kommentarspalten bei Facebook hätten die Antworten wohl zwischen “DFB und Freimaurer stecken doch unter einer Decke”, “Merkel muss weg” und “Zu was ist der Videoschiedsrichter eigentlich zu gebrauchen?” geschwankt.

Am Ende stand aber die erste Saisonniederlage des FC Bayern und standesgemäß wurde danach alles zwischen Himmel und Hölle in Frage gestellt. Ist Ancelotti noch der richtige Trainer? Hätte man auf dem Transfermarkt nicht mehr Geld in die Hand nehmen müssen? Hätte Bayern nicht längst ein unabhängiges Land sein sollen? Und wer zur Hölle holt unseren armen Müller Thomas da endlich raus? Schließlich ist Thomas Müller ein Allgemeingut, auf das der hart arbeitende deutsche Fussballfan ein verdammtes Recht hat. Basta!

Verloren hat am Wochenende auch Eurosport. Und zwar zum zweiten Mal in Folge. Erneut war die Übertragung des Freitagsspiels über den hauseigenen Player eine wackeligere Angelegenheit, als die Grundsätze des Financial Fairplay. Zum Teil verbrachten die Zuschauer mehr Zeit damit aus den Pixelabfolgen Gemälde zu deuten, als mit dem Spiel selbst. Ein Lösungsansatz für den gebeutelten Sender könnte der Kauf der Insolvenzmasse von StudiVZ sein. Die angestaubten Server warten nur darauf reaktiviert zu werden. Für den HSV war der stete Bildausfall aber halb so wild, denn der verlor klar gegen Aluminiumfreunde aus Leipzig. Die nächste Niederlage für den Club, der Enttäuschungen gewohnt ist, folgte dann, als der vom Hof gejagte Pierre-Michel Lasogga beim Debüt für Leeds United direkt zwei Mal traf und eine Vorlage gab. Kaum hängen die Luschen nicht mehr in Hamburg fest, bringen sie wieder Leistung. Dieses Phänomen ist jedoch bereits dabei erforscht zu werden und läuft unter dem Arbeitstitel „Post-Schalke-Expansion“. Beispiele gab es an diesem Spieltag einige, denn mit Sané, Choupo-Moting und Huntelaar trafen direkt drei Ex-Knappen doppelt für ihre neuen Vereine.

Eine Niederlage gab es für den BVB zwar nicht, doch das 0:0 mit überwiegender Überzahl fühlte sich zweifelsohne wie eine an. Nachdem der Freiburger Ravet Schmelzer mit einem üblen Tritt ins Krankenhaus eingewiesen hatte, durfte er frühzeitig den Duschkopf von unten betrachten. Vorausgegangen war der Segen der Technik, die die Brutalität der Aktion entlarvte und aus der gelben eine rote Karte machte. Dass die korrigierte Entscheidung unstrittig ist, konnte man eigentlich kaum bezweifeln. Doch der Breisgauer Weltverbesserer Christian Streich war kaum zu beruhigen und klatschte immer wieder höhnisch Richtung BVB-Bank und Schiedsrichtergespann. Es bestand die berechtigte Befürchtung, dass er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel das Foul in einem halbstündigen Monolog ins Verhältnis zur weltpolitischen Lage setzen würde. Tat er dann aber nicht. Gut so.

Die Kunst des Verlierens ist eine schwer zu erlernende Tugend. Nur die Wenigsten behalten auch im Moment der Niederlage einen kühlen Kopf, ordnen das Geschehene richtig ein und können dem siegreichen Gegner aufrichtig gratulieren. Spannender ist es aber natürlich, wenn diese Kunst nicht beherrscht wird. Wir brauchen wieder mehr Ausraster, Verweigerungen und Gefühlsausbrüche. Politische Talkshows machen es vor: Einfach mal das Studio verlassen, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Deshalb kann man sich nur wünschen, dass Jörg Schmadtke demnächst im Kempinski-Hotel einfach mal die Drehtür nach draußen nimmt, wenn er beim Doppelpass gefragt wird, ob die Saison nach drei Spieltagen für den FC gelaufen ist. Mittelfinger und Rücklichter zeigen, statt runterschlucken und glatt bügeln. Authentisch sein und sich verweigern. Es wäre eine Wohltat im konstant gleichgeschalteten Fussballgeschäft, das vor der Kamera keine Überraschungen sehen will. Wir brauchen Unterhalter!

In diesem Sinne,

sportliche Woche!

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Erfolg, Treue oder Wahnsinn – Das Phänomen Trikotkauf

Es gibt eine Menge Dinge, die wir in der Sommerpause machen können, um sie zu überbrücken: Bundesliga Pur Classics gucken, die Highlights der WM 2014 genießen, den DFB-U-Mannschaften zujubeln oder am Ende gar Frauenfußball erleben. Währenddessen wird gegrillt und wir spekulieren über Transfers und welcher Trainer als nächstes ausgetauscht wird.

Wofür die Sommerpause allerdings auch herhalten muss: Der Kauf eines neuen Trikots. Neue Saison, neue Trikots. Das ist ein Naturgesetz, so regelmäßig und unverrückbar, wie der Trainerwechsel beim HSV.

Doch, wer kauft sich jede Saison immer wieder das neuste Trikot? Welche Vereine schneiden gut ab, welche hinken hinterher?

Die Blogabteilung unserer Kollegen vom Preisvergleichsportal idealo.de nutzten jüngst ihre Klick- und Verkaufszahlen, um genau das herauszufinden: Welcher Verein ist „Trikotmeister“, wer steigt ab?

Wir haben uns den Artikel einmal angeschaut und folgende Eckpunkte für einen guten Absatz ermittelt:

1. Erfolg – macht sexy

In der Liga und im Laden, immer das gleiche Bild: Alle strengen sich an, am Ende gewinnen die Bayern. Mit Marktanteilen von 50-60% dominiert der Branchenprimus nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Online-Trikotnachfrage den Markt. Bevor jetzt irgendjemand auf die Idee kommt „Erfolgsfans“ zu schreiben: Erfolg ist nicht alles. So sank die Nachfrage nach BVB-Trikots nach der Meistersaison rapide von über 30% auf unter 15%.

2. Tradition – Die Macht der Gewohnheit

Erfolg spült Geld in die Kassen, lässt aber noch lange nicht den Trikotverkauf explodieren. So belegten diese Saison zum Beispiel Wolfsburg und Leverkusen nur die Ränge 9 und 11 im Verkauf, während der Effzeh es zum Beispiel sogar auf Platz 6 schaffte und eine später genannte Überraschungsmannschaft sogar noch höher. Bei BVB und S04 ist es nicht ganz so leicht zwischen Traditionskauf und Erfolgskauf zu unterscheiden. Gut, nehmen wir den S04 diese Saison mal raus, was „Erfolg“ angeht. Aber fest steht: Auch bei diesen Vereinen sinkt die Zahl der Trikots mit Misserfolg oder -management. So kann „Eche Liebe“ schnell zu „nur Freunde“ und „Wir leben dich“ schnell zu „Wir leben uns auseinander“ werden. Der BVB landete diese Saison hinter dem FCB auf dem 2. Platz, während sich Schalke trotz Differenzen zwischen Vereinsführung und Fans noch über den 5. Platz freuen kann.

3. Konstanz – Der Weg der Geduld

Borussia Mönchengladbach zeigt: Wer langsam, aber stetig besser und erfolgreicher wird, dem ist der Fußballdeutsche irgendwann positiv geneigt. Dazu dann ein unaufgeregtes Management – schon brummt der Markt. Das belegt auch ein respektabler vierter Platz im Trikot-Ranking diese Saison. Kurze schnelle Erfolge sorgen nur bei Wenigen für einen nachhaltigen Trikotkauf. So landete der FC Augsburg diese Saison zwar auf dem 5. Platz, reiht sich aber beim Trikotinteresse irgendwo im nirgendwo auf dem 13. Platz ein. Allerdings muss man beachten, dass der Trikotverkauf auch häufiger mal eine Saison versetzt eintritt – also darf der FCA durchaus noch hoffen.

4. Profil – Be yourself

Manschaften ohne Präsenz und Profil ziehen kaum Aufmerksamkeit auf sich. Wenn die eigene Fanbasis relativ klein ist, kann man nur Trikots verkaufen mit Erfolg, oder mit einem guten Marketing. Beides scheinen unsere vier Schlusslichter Hannover, Freiburg, Paderborn und zum Schluss Mainz nicht zu besitzen. Gerade bei Vereinen wie Freiburg und Mainz, die eher zu den sympathischeren Teams gehören, ist das zumindest schade, aber auch nicht völlig abwegig.

5. Chaos – Hamburg, meine Güte

Da es hierfür wirklich absolut keine Erklärung gibt, bekommt der HSV seine eigene Kategorie. Kurzer Rückblick: In der Saison 2013/14 grauenhafter Fußball, seit 2013 (Cardoso und Knäbel mitgezählt) SIEBEN verschiedene Trainer, mehr als schmeichelhaft in der Relegation die Klasse gehalten und in der letzten Saison genau so grauenhaft erneut die Klasse gehalten. Diese beiden Saisons soll man noch mit knapp 90 Tacken pro Trikot (Stutzen und Hosen exklusive) unterstützen!? Offensichtlich beantworten sehr viele Fans diese Frage mit: Ja. Denn dieser HSV schafft es, sich im aktuellen Trikotverkauf auf den dritten Platz hinter Bayern München und dem BVB zu platzieren.

Diese Käufer kann man grob in drei Kategorien einteilen:

1. Hipster SV: Man will sich abheben, um zu provozieren, anders zu sein

2. 50 Shades of Stay (in Liga 1): Man steht darauf, sich selbst finanziell und sozial zu bestrafen

3. Was für’s Seelerheil: Man hat Mitleid mit einem mittellosen Verein und „spendet“ das Geld – dafür gibt es ein Adidas-Shirt

Mal Spaß beiseite: Wahrscheinlich wollten am Ende alle das letzte Erstliga-Trikot des HSV haben- tja Jungs (und Mädels, wollen schließlich keinen #Aufschrei provozieren), Pech gehabt. Aber die nächste Saison kommt bald!

Im Großen und Ganzen sind das für uns die Hauptgründe für den Trikotkauf. Auch wenn die Designer von Adidas, Nike, Kappa, Puma und Erima gerne mal ihren inneren Ed-Hardy rauslassen – gekauft wird trotzdem.

Und absolute Design-Blutgrätschen gab es schon immer.
Ob Regenbogen-Bochum (99/00):

Carmouflage-Knappen (92/93):

oder jedes Torwarttrikot aus den 80ern und 90ern (Repräsentatives Beispiel):

Hauptsache es fällt auf. Apropos Torwarttrikot: Auch in der heutigen Zeit greift der ein oder anderen Trikot Designer, wie man seit Tim Wiese weiß, gern mal in die Trickkiste. Aktuellstes Beispiel: Das Torwarttrikot der TSG aus Hoffenheim. Knallgrün mit „ich schmeiße schwarze Farbe drüber und nenne es Kunst“ -Muster.

Zusammenfassend ist der Trikotverkauf vergleichbar mit zwischenmenschlichen Beziehungen: Es kommt nicht auf das Äußere an, sondern 1. darauf, wer drin steckt und 2. ob er Erfolg hat.

Es sei denn, es geht um Hamburg. Da sind alle verrückt.

Die Sage vom Wappenküssen

Karriereende mit 29 Jahren. Das klingt erstmal nach einer von Verletzungen beendeten Laufbahn. So aber nicht bei Marcell Jansen. Er gab nun dieser Tage bekannt, dass er mit sofortiger Wirkung seine Schuhe an den Nagel hängen wird und sich aus dem Profigeschäft zurückzieht. Sein Vertrag beim HSV war ausgelaufen und er hätte sich um einen neuen Club bemühen müssen. Davon sah er allerdings nun ab und nahm die nächste Ausfahrt.

Wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, hatte er zumindest konkretere Anfragen von Benfica Lissabon und dem FC Everton vorliegen. Keine ganz schlechten Adressen im Fussball. Und auch sicherlich keine schlecht zahlenden Adressen. Doch Jansen entschied sich dafür nicht weiterzumachen mit der Begründung, dass er „die letzten Jahre sehr emotional mit Hamburg verbunden war“ und nun nicht „plötzlich ein anderes Wappen küssen wolle. Die vielen Fussballromantiker unter uns haben ob dieser, wie Musik in ihren Ohren klingenden Worte, natürlich reihenweise Tränen der Rührung in den Augen. Zugegeben, auf den ersten Blick hört sich Jansens Aussage auch sehr heldenhaft an. Der eingefleischte Hamburger kann es mit seinem rautenförmigen Herzen und dem hanseatischen Blut in den Adern nicht vereinen ein anderes Wappen, als das des HSV, mit seinen Lippen zu liebkosen.

Doch etwas nüchterner betrachtet klingt das alles nach etwas zu viel Pathos und etwas zu wenig Selbstreflexion. Jansen selber sagte, dass er neben dem HSV „natürlich auch Gladbach lieben wird, ganz klar“. Die Stadt am Niederrhein ist schließlich seine Heimat. Neben seinen zwei von drei Stationen im Profifussball (den FC Bayern hat er bei seiner Aufzählung wohl bewusst ausgelassen) zu denen er große Gefühle entwickelt hat, kann er es also nicht mit sich vereinen noch bei einem weiteren Verein das Wappen zu küssen.

Bei aller Liebe, Marcell. Muss denn unbedingt die ganz große Emotionskeule ausgepackt werden? Kann man nicht eine Situation einfach sachlich einschätzen, ohne dabei immer die großen Gefühle der Fans mit in das Boot zu holen?

Es ist selbstverständlich aller Ehren wert, dass Jansen mit dieser Begründung von der großen Fussballbühne geht. Die nüchternen Fakten aber hinterlassen einen leichten Beigeschmack.
Denn, sind wir mal ehrlich, kein noch so fanatischer HSV-Fan hätte es ihm nach den Jahren, in denen er sich immer loyal zum Verein verhalten hat, übel genommen, wenn er nach seiner Hamburger Zeit noch ein paar Jahre woanders gekickt hätte. Man kann ja schließlich auch vollen Einsatz für einen Verein zeigen ohne dabei sein Herz zu verschenken und das Wappen zu küssen. Das ist keineswegs eine Söldner-Attitüde, sondern offen, ehrlich und heutzutage im monetär betimmten Sport auch nötig. Die emotionale Ebene ist eben auch immer von großer Irrationalität geprägt.

Von daher wäre es wünschenswert in Zukunft weniger Wappenküsse zu sehen, als viel mehr professionelle Einstellung und Ehrlichkeit im Umgang mit Fans und Verein. Kein Vorwurf an Jansen, aber etwas weniger Pathos schadet nicht!

Tradition hin oder her – Die Kunst des Erfolges

Ganz Deutschland wundert sich derzeit über den allgemeinen Abwärtstrend von gleich mehreren langjährigen Bundesligamitgliedern. Sogenannte Traditionsvereine sind im deutschen Fussball ein nahezu heiliges Gut. Man ist im Allgemeinen sehr stolz auf seine Vergangenheit. Das ist zunächst mal nichts Verwerfliches. Doch problematisch wird es, wenn man ausschließlich zurückschaut ohne dabei nach vorne zu sehen. Veränderte Bedingungen werden übersehen oder bewusst ignoriert. Bewusst, weil Veränderungen grundsätzlich gescheut werden. Man möchte nicht, dass sich etwas ändert, sondern würde den Status Quo gerne konservieren. Auch das ist menschlich nachvollziehbar. Das Problem dabei ist jedoch, dass der Fussball sich weiterentwickelt und es nicht zulässt, dass eine Erfolgsformel ewig hält. Passt man die Formel nicht an, geht auch der Erfolg. In welchem Maße man diese Änderungen vornimmt, bleibt jedem selbst überlassen. Beschweren darf man sich bei ausbleibendem Erfolg dann aber nicht.

Die aktuelle Tabellensituation ist eben eine Folge von versäumter Anpassung der Formel. Die Hauptpunkte der Versäumnisse haben wir für euch mal beleuchtet:

Sportliche Ideenlosigkeit

Hierunter fällt natürlich in allererster Linie die Kaderplanung, für die der Trainer zusammen mit der sportlichen Leitung verantwortlich ist. Diese kann selbstverständlich in jedem Club negativ laufen, bei Vereinen mit wenig Veränderungswillen aber ist die Hemmschwelle groß auf alternativ denkendes Personal in verantwortlichen Positionen zu setzen. Etablierte, angepasste Trainer und Sportdirektoren werden bevorzugt, da hier am wenigsten Konfliktpotential mit den alten Werten besteht. Hinterfragen unerwünscht. Dass man mit derlei Besetzung in einem sich schnell ändernden Sport Erfolge einfährt, ist unwahrscheinlich. Frische Ideen haben dann nur die anderen.

Nicht zeitgemäßes Wirtschaften

Dass es im Fussballgeschäft nur um Treue und Vereinsliebe geht, ist ein ebenso hoffnungslos romantischer, wie überholter Ansatz. Sicher würden sich die meisten wünschen, dass es wieder so ist. Eine Rückkehr in Zeiten, wo der Fussball so funktioniert hat, wird es aber nicht geben. Dafür ist er ein viel zu attraktiver Markt geworden. Also bleibt nichts anderes übrig, als sich dem anzupassen. Die 50+1-Regelung ist absolut richtig und wird zurecht vor allem von Traditionsvereinen verteidigt. Ohne einen finanzkräftigen Background aber sind langfristig keine Erfolge mehr zu feiern. Die Waage zwischen finanzieller Unterstützung und Abhängigkeit darf jedoch nie in die falsche Richtung kippen. Komplette Abhängigkeit von einem Großinvestor ist keinesfalls erstrebenswert. Die Entscheidungshoheit muss bei den Vereinen bleiben. Was aber dringend notwendig ist, sind strategische Partner, die finanziell unterstützen ohne die komplette Handlung beeinflussen zu wollen. Vollständige Unabhängigkeit von externen Geldgebern, die oft als wichtigstes Merkmal eines Traditionsclubs genannt wird, ist schlicht nicht mehr möglich.

Festhalten an alten Strukturen

Die Entscheidungen fließen für gewöhnlich vom Vorstand auf den Rest des Vereins hinunter. Die Entscheidungsstrukturen sind hier aber oft sehr eingefahren und kompliziert. Es ist daher teilweise schlichtweg nicht möglich, selbst wenn neue Ideen da sind, diese umzusetzen. Auch wenn eine Kontrolle über das Vereinsvorgehen natürlich notwendig ist, verhindern alteingesessene Gegenstimmen dabei immer wieder Veränderungsprozesse.

Keine Risikobereitschaft

Die Abneigung gegen Veränderungen bringt einen weiteren lähmenden Aspekt mit. Die Bereitschaft Entscheidungen zu treffen, die nicht im vollen Maße abgesichert sind, ist normalerweise wenig bis gar nicht vorhanden. Man hat ja schließlich viel zu verlieren. Dass zu dem Zeitpunkt aber der Abwärtstrend bereits begonnen hat und dem nur mit unter anderem auch risikobehafteten Entscheidungen entgegenzuwirken ist, wird in den Traditionsvereinen lange ignoriert. Im schlimmsten Fall bis es zu spät ist.

 

Die Punkte passen sicher nicht alle auf jeden Verein. Jeder in Schwierigkeiten geratene Traditionsclub sollte sich allerdings mal selbst den Spiegel vorhalten und hinterfragen, ob das eigene Handeln noch mit den aktuellen Gegebenheiten übereinstimmt. Nur so kann ein Prozess angeregt werden, der zum Umdenken führt. Bevor es zu spät ist.

Der Fall Calhanoglu – Ein Bauernopfer des Systems

Für viele ist die Situation eindeutig: Der Begriff „Söldner“ bahnt sich wie von selbst aus den Tiefen des Fanherzens an die Oberfläche.

Der (grobe) Hintergrund: Er bekennt sich zum HSV, lässt sich dann krankschreiben, um darauf zu Bayer Leverkusen zu wechseln. Im, von Romantik und Herz dominierten Bereich der Traditionsclubs, ein „Faux-pas“, ein „No-Go“, oder wie man im Ruhrgebiet sagt: „Datt machste einfach nich!“.

Als Fußballspieler darf man so etwas nicht. Aber jeder von uns kennt mindestens eine Person (wenn auch vom Hörensagen), die das schon mal gemacht hat. Und dabei heißt es dann: „Hätte ich wahrscheinlich auch so gemacht!“.

Wischen wir mal die Romantik, den Puderzucker, die Einhörner und Regenbogen beiseite: Der Fußball ist ein Geschäft geworden. Vereine sind Arbeitgeber. Calhanoglu hat seinem Arbeitgeber gekündigt, einen neuen Arbeitgeber gefunden. In den letzten Wochen seines Jobs ging es ihm psychisch schlecht aufgrund der Situation an seinem Arbeitsplatz. Also nimmt er eine Kranschreibung bis zum Ende seines Vertrages. Unter Berücksichtigung, dass da noch ein sehr junger Mensch hinter steckt, wäre das zumindest in der „normalen“ Arbeitswelt nachvollziehbar. Fußballspieler aber heißen, wenn sie sich gegen den eigenen Verein entscheiden und für einen (meistens auch finanziell) besseren Job entscheiden, „Söldner“. Sie sind nur geldgierig und identifizieren sich nicht mit dem Arbeitgeber.  Wenn man mal einen solchen Fall in der Bekanntschaft hat, dann beglückwünscht man Freunden und Kollegen zur gleichen Entscheidung. Wer sich in seinem Job unwohl fühlt und ein besseres Angebot bekommt, der wechselt. Das teilt man seinem aktuellen Arbeitgeber auch erst mit, wenn ich einen neuen Job sicher habe, oder?

Klar, im Endeffekt ist die Reaktion auf seine ungeschickte Außendarstellung nachvollziehbar. Der Fan sieht seinen Verein und damit sich selbst hintergangen. Unprofessionalität gepaart mit unsicheren und ungeschickten Äußerungen führen zwangsläufig zu Schmähungen in diesem Geschäft.

Ist Hakan Calhanoglu dafür verantwortlich?

Bevor jetzt Proteststürme losgehen: Dieses Verhalten ist offiziell im Profifußball unangebracht. Unprofessionell. Doch ich möchte in dieser Situation hinterfragen, ob man die Verantwortung nicht woanders sehen muss: Bei den Verantwortlichen der Vereine und bei sogenannten „Beratern“. Wie man beim ZDF gesehen hat, ist Calhanoglu keine Person, die durch seine verbalen Fähigkeiten glänzt. Das muss bekannt sein. Es liegt also in der Hand des Vereins, diesen Jungen darauf vorzubereiten oder davor zu bewahren.

Abschließend bleibt festzuhalten: Junge Spieler, die limitiert sind in ihren verbalen Möglichkeiten sollten von den Verantwortlichen geschützt werden. Auch die Medien sind in der Verantwortung, Feingefühl zu besitzen und vielleicht zusammen mit den Vereinen zu arbeiten, um solche medialen Desaster zu vermeiden.

Quälix & der nette Herr Magath

Gelassen sitzt er oben auf dem Podium, blickt zufrieden herab auf die Reporterschar, die auf seine Worte wartet. Rührt dabei seelenruhig in seinem Tee. Als wäre er bei Großmutter zur Kuchentafel geladen und nicht als Verantwortlicher im Medienspektakel Fussball.
Wenn er dort sitzt, mit seiner modischen Brille auf der Nase, dem runden Gesicht und den Kulleraugen, dem sanften Lächeln, wirkt er, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Bei seinen Antworten, auch auf unangenehme Fragen, bleibt er stets beherrscht. Auch wenn er hin und wieder mal ein wenig Zorn durchblicken lässt, falls man ihn mal wieder etwas in seinen Augen „Dummes“ fragt, schluckt er diesen im selben Moment wieder runter. Pokerface aufsetzen, „der ist es nicht wert“. Dann ist er der nette Herr Magath, der auf seinem Facebook-Profil immer die richtigen lobenden und beschwichtigenden Worte findet.
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Eben so, wie man sich einen Trainer nach außen wünscht: staatsmännisch. Alte Schule eben.

Doch der nette Herr Magath zeigt sich scheinbar ausschließlich nach außen hin. Intern, im Umgang mit seinen Spielern, scheint die Sache ganz anders auszusehen. Dann wird er nämlich schnell zu „Quälix“.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Magath im Training auf Disziplin setzt und den Spielern körperlich viel abverlangt. Das ist als Fussballtrainer zunächst mal nicht verwerflich. Diese Leidenschaft für konditionsbasiertes Training brachte ihm schließlich seinen Spitznamen ein. In Wolfsburg ließ der bekennende Medizinball-Fetischist sogar eigens einen Hügel aufschütten, der für Laufeinheiten mit Steigung genutzt wurde. Seinem Image entsprechend wurde er passenderweise „Hügel der Leiden“ getauft.

Doch Magath schoss bereits einige Male in seinen Methoden über das Ziel hinaus. Beim VfL Wolfsburg ließ er seine Mannschaft erst durch den Wald hetzen, um bei deren Ankunft dann die Trinkflaschen ausgeleert zu haben. Nicht so nett.
Auch abseits des Trainingsplatzes sind seine Methoden fraglich. So soll er Spieler nach schlechten Leistungen in sein Büro gerufen haben, um diese dann minutenlang grimmig anzustarren. Stare down á la Felix.
Ein wechselwilliger Spieler war ganz schnell Persona non grata. So verbot er beim FC Fulham allen Spielern den Kontakt mit Torwart Stekelenburg, dessen Wechsel nach Monaco bereits fest stand. Quasi als Mahnmal für etwaige weitere Spieler, die weg wollen.
Wenngleich die aktuelle Geschichte um die „Käse-Behandlung“ schon sehr skurril daherkommt und vermutlich nur böse Nachrede des geschassten Ex-Captains Hangeland und gefundenes Fressen für die sensationsgeile englische Yellow Press ist, zeigt sie trotzdem welch extrem negativen Ruf Magath bei vielen seiner Spieler hat.
Lewis Holtby wollte gar zurück zu seinem Stammverein Tottenham flüchten, als kurz nach seiner Leihe zu den Cottagers Magath dort Trainer wurde. Er kannte ihn und seine Methoden ja bereits aus seiner Zeit bei Schalke.

Magaths Methodik basiert also hauptsächlich auf dem Angst-Prinzip. Nach dem Motto: „Ihr bringt Leistung, weil ihr Angst davor habt, was passiert, wenn ihr es nicht tut.“
Dass dieser Ansatz allein von pädagogischen Gesichtspunkten her nicht haltbar ist, sei dahingestellt. Denn der Erfolg gab ihm in seiner Karriere bisher fast immer recht. Drei Meistertitel und zwei Pokalsiege sprechen für sich.

Dieses Angst-Prinzip setzt er aber vor allem in Phasen ein, in denen es sportlich nicht läuft. Häufig bekamen dann vermehrt jüngere Spieler Chancen, auf die Magath ob der geringeren Lebenserfahrung und dem schlechteren Nervenkostüm mehr Druck ausüben konnte.
Überhaupt sind jüngere Spieler natürlich empfänglicher für seine Machtspiele. Erfahrenere, die womöglich Contra bieten, werden kurzerhand zurechtgestutzt und schlimmstenfalls suspendiert. Wer nicht kuscht, fliegt raus. Das musste beispielsweise Diego erleben, der nach Bekanntgabe der Aufstellung (und seiner gleichzeitigen Nicht-Berücksichtigung) das Teamhotel verließ und danach keinen Fuß mehr unter Magath auf die Erde bekam. Man könnte auf die Idee kommen, dass da unter anderem auch ein Expempel statuiert wurde.

Alles in allem sind Magaths Methoden einfach überholt und im modernen Fussball nicht mehr gefragt. Das kann man gut finden oder nicht, Magath selber hingegen wird in der Form im Trainergeschäft auch kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Weder der nette Herr Magath, noch Quälix.

Zinnbauer und die Duplizität der Ereignisse

Wenn man die Aussagen von Dietmar Beiersdorfer auf der offiziellen Pressekonferenz zur Verkündung des neuen Cheftrainers Joe Zinnbauer hört, hat man unweigerlich Tönnies und Heldt vor Augen, die anno 2012 über den damals neuen Trainer Jens Keller sprechen.

„In den U-Teams gezeigt, dass er es kann.“
„Kann ein Team mitreißen.“
„Strukturelle Arbeit.“
„Werden ihn mit allen Mitteln unterstützen.“

Auch Schalke steckte damals in der Krise und trennte sich nach einer Niederlagenserie vom altehrwürdigen Huub Stevens. Die Ausgangslage war also ganz ähnlich: Traditionsverein in der Krise heißt es da als Arbeitsplatzbeschreibung in der Stellenanzeige. Wenngleich sich die Krise des HSV gut zehn Tabellenplätze weiter unten abspielt, als die der Königsblauen damals.
Aber auch auf Schalke dauerte es nach der offziellen Meldung des Vereins keine zehn frustrierte Twitterposts lang, bis die traditionell skeptisch bis destruktive Stimmung in der Fanbasis angekommen war. Nur die allerwenigsten trauten Keller auch nur irgendetwas zu. Ein Nobody soll das emotional geprägte Pulverfass und Kulturgut Schalke wieder nach oben führen? Biste bekloppt oder wat?

Und so wurde Keller in der Folge zum wahrscheinlich am häufigsten fast-gefeuerten Trainer in der Geschichte der Bundesliga. Selbst in Phasen, wo es sportlich lief, wie der abgelaufenen Rückrunde, verstummten die Kritiker nie. Ein Spießrutenlauf sonders gleichen. Doch in der Führungsriege der Schalker hielt man an Keller fest. Bisher zumindest.
Es scheint wohl so, als würde er die aktuelle Krise nicht nochmal im Amt überleben. Die etwaige Entlassung könnte aber fast schon eine Erleichterung für Keller selber sein. Oft merkte er in ruhigen Momenten mal an, was das für ein Wahnsinn ist, den man mit ihm seit seiner Einstellung im Dezember 2012 veranstaltet. Das wurde von Fanseite aber gerne überhört und prompt mit neuer Kritik niedergeschlagen. Natürlich kann sich Keller nicht von Fehlern freisprechen, aber unter dem medialen Druck fällt es auch enorm schwer konzentriert zu arbeiten. Ihm droht mal wieder der viel zitierte Satz mit der Reißleine.

Dasselbe Schicksal könnte nun auch Zinnbauer beim HSV ereilen. Der sportliche Druck ist ob der heiklen Tabellensituation sogar noch höher. Der mediale Druck hingegen ähnlich hoch wie in Gelsenkirchen. In Hamburg hat man einfach den Anspruch zum oberen Drittel der Liga zu gehören, das lässt sich dort auch nicht austreiben.
Ob Zinnbauer sich mit dem Job einen Gefallen getan hat, wird sich zeigen. Er muss als Trainerneuling einen unausgeglichenen Kader mit vielen Pflegefällen in die Spur bringen. Und dabei gleichzeitig selber reifen. Sehr schwer vorstellbar, dass das gelingt.

In jedem Fall kann er sich von Jens Keller schonmal erzählen lassen, was da auf ihn wartet.

 

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