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Good old Bundesliga #03 – Die Kunst des Verlierens

Zweite Bälle im Fussball sind wichtig. Das lernt man schon früh in der fussballerischen Ausbildung und wird einem unabhängig von der Höhe der Spielklasse konstant ins stille Unterbewusstsein gehämmert. Auch wenn man in den ganz unteren Ligen, ein paar Zentimeter von der kompletten sportlichen Bedeutungslosigkeit entfernt, nicht sicher sein kann, ob der Trainer wirklich das Erobern von abgewehrten Bällen meint, wenn er “ZWEITER BALL!!!” schreit, oder gerade nur mal wieder der Spielball über den Fangzaun auf die nahe gelegene Kuhweide geflogen ist.

Doch auch am anderen Ende der Fussballnahrungskette in Deutschland können zweite Bälle entscheidend sein. Der Rekordmeister musste im Spiel gegen sein eigenes Fussballkryptonit aus Sinsheim (2 Niederlagen und ein Remis in den letzten 3 Spielen) lernen, dass ein zweiter Ball auf dem Spielfeld nicht zwangsläufig dazu führt, dass alles stehen und liegen gelassen werden muss. Mats Hummels machte danach erstmal das, was man heutzutage halt macht, wenn man etwas nicht weiß: Im Internet um Hilfe fragen. Und bekam auf Twitter auch fundierte Antworten. Gut, dass er sich für Twitter entschied. In den Kommentarspalten bei Facebook hätten die Antworten wohl zwischen “DFB und Freimaurer stecken doch unter einer Decke”, “Merkel muss weg” und “Zu was ist der Videoschiedsrichter eigentlich zu gebrauchen?” geschwankt.

Am Ende stand aber die erste Saisonniederlage des FC Bayern und standesgemäß wurde danach alles zwischen Himmel und Hölle in Frage gestellt. Ist Ancelotti noch der richtige Trainer? Hätte man auf dem Transfermarkt nicht mehr Geld in die Hand nehmen müssen? Hätte Bayern nicht längst ein unabhängiges Land sein sollen? Und wer zur Hölle holt unseren armen Müller Thomas da endlich raus? Schließlich ist Thomas Müller ein Allgemeingut, auf das der hart arbeitende deutsche Fussballfan ein verdammtes Recht hat. Basta!

Verloren hat am Wochenende auch Eurosport. Und zwar zum zweiten Mal in Folge. Erneut war die Übertragung des Freitagsspiels über den hauseigenen Player eine wackeligere Angelegenheit, als die Grundsätze des Financial Fairplay. Zum Teil verbrachten die Zuschauer mehr Zeit damit aus den Pixelabfolgen Gemälde zu deuten, als mit dem Spiel selbst. Ein Lösungsansatz für den gebeutelten Sender könnte der Kauf der Insolvenzmasse von StudiVZ sein. Die angestaubten Server warten nur darauf reaktiviert zu werden. Für den HSV war der stete Bildausfall aber halb so wild, denn der verlor klar gegen Aluminiumfreunde aus Leipzig. Die nächste Niederlage für den Club, der Enttäuschungen gewohnt ist, folgte dann, als der vom Hof gejagte Pierre-Michel Lasogga beim Debüt für Leeds United direkt zwei Mal traf und eine Vorlage gab. Kaum hängen die Luschen nicht mehr in Hamburg fest, bringen sie wieder Leistung. Dieses Phänomen ist jedoch bereits dabei erforscht zu werden und läuft unter dem Arbeitstitel „Post-Schalke-Expansion“. Beispiele gab es an diesem Spieltag einige, denn mit Sané, Choupo-Moting und Huntelaar trafen direkt drei Ex-Knappen doppelt für ihre neuen Vereine.

Eine Niederlage gab es für den BVB zwar nicht, doch das 0:0 mit überwiegender Überzahl fühlte sich zweifelsohne wie eine an. Nachdem der Freiburger Ravet Schmelzer mit einem üblen Tritt ins Krankenhaus eingewiesen hatte, durfte er frühzeitig den Duschkopf von unten betrachten. Vorausgegangen war der Segen der Technik, die die Brutalität der Aktion entlarvte und aus der gelben eine rote Karte machte. Dass die korrigierte Entscheidung unstrittig ist, konnte man eigentlich kaum bezweifeln. Doch der Breisgauer Weltverbesserer Christian Streich war kaum zu beruhigen und klatschte immer wieder höhnisch Richtung BVB-Bank und Schiedsrichtergespann. Es bestand die berechtigte Befürchtung, dass er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel das Foul in einem halbstündigen Monolog ins Verhältnis zur weltpolitischen Lage setzen würde. Tat er dann aber nicht. Gut so.

Die Kunst des Verlierens ist eine schwer zu erlernende Tugend. Nur die Wenigsten behalten auch im Moment der Niederlage einen kühlen Kopf, ordnen das Geschehene richtig ein und können dem siegreichen Gegner aufrichtig gratulieren. Spannender ist es aber natürlich, wenn diese Kunst nicht beherrscht wird. Wir brauchen wieder mehr Ausraster, Verweigerungen und Gefühlsausbrüche. Politische Talkshows machen es vor: Einfach mal das Studio verlassen, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Deshalb kann man sich nur wünschen, dass Jörg Schmadtke demnächst im Kempinski-Hotel einfach mal die Drehtür nach draußen nimmt, wenn er beim Doppelpass gefragt wird, ob die Saison nach drei Spieltagen für den FC gelaufen ist. Mittelfinger und Rücklichter zeigen, statt runterschlucken und glatt bügeln. Authentisch sein und sich verweigern. Es wäre eine Wohltat im konstant gleichgeschalteten Fussballgeschäft, das vor der Kamera keine Überraschungen sehen will. Wir brauchen Unterhalter!

In diesem Sinne,

sportliche Woche!

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Spielmacherkonferenz 2017 in Hamburg

Wir waren mal wieder im Namen der komödiantischen Fussballunterhaltung investigativ unterwegs. Diesmal verschlug es uns nach Hamburg. Genauer gesagt auf die Spielmacherkonferenz. Eine Zusammenkunkft von allem, was Rang und Namen hat im Sportmarketingbusiness. Und uns.

Die Kernfrage aller Vorträge und Panels war:

„Wie entwickelt sich der Fussball in den kommenden Jahren?“

Dies wurde hauptsächlich aus marketingtechnisches Blickpunkten betrachtet, die sich natürlich vor allem damit beschäftigen, wie der Fan als Konsument bestmöglich erreicht werden kann. Dort wurde der Blickwinkel der Vereine durch St. Pauli, VfB und BVB vertreten, aber auch die andere Seite der Marketing, die übertragenden TV-Sender und Webportale mit Perform-Group-Chef Dirk Ifsen, Transfermarkt.de-Chef Matthias Seidel und Onefootball-Chef Lucas von Cranach, kamen zu Wort. Doch auch der sportliche Aspekt kam nicht zu kurz. Ex-Profi Stefan Reinartz stellte ausführlich seinen Statistikansatz „Packing“ vor. Beeindruckend eloquent und vor allem deutlich fundierter, als dies während der EM 2016 allgemein in der Presse getan wurde. Darüberhinaus blieb eine von Taktikguru Tobias Escher geführte Diskussion über Jugendspielerförderung in Erinnerung. Besonders polarisierend war der Livepodcast der Online Marketing Rockstars Philipp Westermeyer und Sven Schmidt zum Thema Vermarktung der Bundesliga nach Vorbild der amerikanischen Sportligen NFL, NHL, NBA und MLB.

Alles in allem konnten wir sehr viele hochinteressante Ideen aufschnappen, sehr gute Kontakte knüpfen und einen intensiven Einblick in die Welt des Fussballmarketing mitnehmen. Ein rundum gelungener Tag.

Hier noch ein wenig Bildmaterial:

Erfolg, Treue oder Wahnsinn – Das Phänomen Trikotkauf

Es gibt eine Menge Dinge, die wir in der Sommerpause machen können, um sie zu überbrücken: Bundesliga Pur Classics gucken, die Highlights der WM 2014 genießen, den DFB-U-Mannschaften zujubeln oder am Ende gar Frauenfußball erleben. Währenddessen wird gegrillt und wir spekulieren über Transfers und welcher Trainer als nächstes ausgetauscht wird.

Wofür die Sommerpause allerdings auch herhalten muss: Der Kauf eines neuen Trikots. Neue Saison, neue Trikots. Das ist ein Naturgesetz, so regelmäßig und unverrückbar, wie der Trainerwechsel beim HSV.

Doch, wer kauft sich jede Saison immer wieder das neuste Trikot? Welche Vereine schneiden gut ab, welche hinken hinterher?

Die Blogabteilung unserer Kollegen vom Preisvergleichsportal idealo.de nutzten jüngst ihre Klick- und Verkaufszahlen, um genau das herauszufinden: Welcher Verein ist „Trikotmeister“, wer steigt ab?

Wir haben uns den Artikel einmal angeschaut und folgende Eckpunkte für einen guten Absatz ermittelt:

1. Erfolg – macht sexy

In der Liga und im Laden, immer das gleiche Bild: Alle strengen sich an, am Ende gewinnen die Bayern. Mit Marktanteilen von 50-60% dominiert der Branchenprimus nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Online-Trikotnachfrage den Markt. Bevor jetzt irgendjemand auf die Idee kommt „Erfolgsfans“ zu schreiben: Erfolg ist nicht alles. So sank die Nachfrage nach BVB-Trikots nach der Meistersaison rapide von über 30% auf unter 15%.

2. Tradition – Die Macht der Gewohnheit

Erfolg spült Geld in die Kassen, lässt aber noch lange nicht den Trikotverkauf explodieren. So belegten diese Saison zum Beispiel Wolfsburg und Leverkusen nur die Ränge 9 und 11 im Verkauf, während der Effzeh es zum Beispiel sogar auf Platz 6 schaffte und eine später genannte Überraschungsmannschaft sogar noch höher. Bei BVB und S04 ist es nicht ganz so leicht zwischen Traditionskauf und Erfolgskauf zu unterscheiden. Gut, nehmen wir den S04 diese Saison mal raus, was „Erfolg“ angeht. Aber fest steht: Auch bei diesen Vereinen sinkt die Zahl der Trikots mit Misserfolg oder -management. So kann „Eche Liebe“ schnell zu „nur Freunde“ und „Wir leben dich“ schnell zu „Wir leben uns auseinander“ werden. Der BVB landete diese Saison hinter dem FCB auf dem 2. Platz, während sich Schalke trotz Differenzen zwischen Vereinsführung und Fans noch über den 5. Platz freuen kann.

3. Konstanz – Der Weg der Geduld

Borussia Mönchengladbach zeigt: Wer langsam, aber stetig besser und erfolgreicher wird, dem ist der Fußballdeutsche irgendwann positiv geneigt. Dazu dann ein unaufgeregtes Management – schon brummt der Markt. Das belegt auch ein respektabler vierter Platz im Trikot-Ranking diese Saison. Kurze schnelle Erfolge sorgen nur bei Wenigen für einen nachhaltigen Trikotkauf. So landete der FC Augsburg diese Saison zwar auf dem 5. Platz, reiht sich aber beim Trikotinteresse irgendwo im nirgendwo auf dem 13. Platz ein. Allerdings muss man beachten, dass der Trikotverkauf auch häufiger mal eine Saison versetzt eintritt – also darf der FCA durchaus noch hoffen.

4. Profil – Be yourself

Manschaften ohne Präsenz und Profil ziehen kaum Aufmerksamkeit auf sich. Wenn die eigene Fanbasis relativ klein ist, kann man nur Trikots verkaufen mit Erfolg, oder mit einem guten Marketing. Beides scheinen unsere vier Schlusslichter Hannover, Freiburg, Paderborn und zum Schluss Mainz nicht zu besitzen. Gerade bei Vereinen wie Freiburg und Mainz, die eher zu den sympathischeren Teams gehören, ist das zumindest schade, aber auch nicht völlig abwegig.

5. Chaos – Hamburg, meine Güte

Da es hierfür wirklich absolut keine Erklärung gibt, bekommt der HSV seine eigene Kategorie. Kurzer Rückblick: In der Saison 2013/14 grauenhafter Fußball, seit 2013 (Cardoso und Knäbel mitgezählt) SIEBEN verschiedene Trainer, mehr als schmeichelhaft in der Relegation die Klasse gehalten und in der letzten Saison genau so grauenhaft erneut die Klasse gehalten. Diese beiden Saisons soll man noch mit knapp 90 Tacken pro Trikot (Stutzen und Hosen exklusive) unterstützen!? Offensichtlich beantworten sehr viele Fans diese Frage mit: Ja. Denn dieser HSV schafft es, sich im aktuellen Trikotverkauf auf den dritten Platz hinter Bayern München und dem BVB zu platzieren.

Diese Käufer kann man grob in drei Kategorien einteilen:

1. Hipster SV: Man will sich abheben, um zu provozieren, anders zu sein

2. 50 Shades of Stay (in Liga 1): Man steht darauf, sich selbst finanziell und sozial zu bestrafen

3. Was für’s Seelerheil: Man hat Mitleid mit einem mittellosen Verein und „spendet“ das Geld – dafür gibt es ein Adidas-Shirt

Mal Spaß beiseite: Wahrscheinlich wollten am Ende alle das letzte Erstliga-Trikot des HSV haben- tja Jungs (und Mädels, wollen schließlich keinen #Aufschrei provozieren), Pech gehabt. Aber die nächste Saison kommt bald!

Im Großen und Ganzen sind das für uns die Hauptgründe für den Trikotkauf. Auch wenn die Designer von Adidas, Nike, Kappa, Puma und Erima gerne mal ihren inneren Ed-Hardy rauslassen – gekauft wird trotzdem.

Und absolute Design-Blutgrätschen gab es schon immer.
Ob Regenbogen-Bochum (99/00):

Carmouflage-Knappen (92/93):

oder jedes Torwarttrikot aus den 80ern und 90ern (Repräsentatives Beispiel):

Hauptsache es fällt auf. Apropos Torwarttrikot: Auch in der heutigen Zeit greift der ein oder anderen Trikot Designer, wie man seit Tim Wiese weiß, gern mal in die Trickkiste. Aktuellstes Beispiel: Das Torwarttrikot der TSG aus Hoffenheim. Knallgrün mit „ich schmeiße schwarze Farbe drüber und nenne es Kunst“ -Muster.

Zusammenfassend ist der Trikotverkauf vergleichbar mit zwischenmenschlichen Beziehungen: Es kommt nicht auf das Äußere an, sondern 1. darauf, wer drin steckt und 2. ob er Erfolg hat.

Es sei denn, es geht um Hamburg. Da sind alle verrückt.

Die Sage vom Wappenküssen

Karriereende mit 29 Jahren. Das klingt erstmal nach einer von Verletzungen beendeten Laufbahn. So aber nicht bei Marcell Jansen. Er gab nun dieser Tage bekannt, dass er mit sofortiger Wirkung seine Schuhe an den Nagel hängen wird und sich aus dem Profigeschäft zurückzieht. Sein Vertrag beim HSV war ausgelaufen und er hätte sich um einen neuen Club bemühen müssen. Davon sah er allerdings nun ab und nahm die nächste Ausfahrt.

Wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, hatte er zumindest konkretere Anfragen von Benfica Lissabon und dem FC Everton vorliegen. Keine ganz schlechten Adressen im Fussball. Und auch sicherlich keine schlecht zahlenden Adressen. Doch Jansen entschied sich dafür nicht weiterzumachen mit der Begründung, dass er „die letzten Jahre sehr emotional mit Hamburg verbunden war“ und nun nicht „plötzlich ein anderes Wappen küssen wolle. Die vielen Fussballromantiker unter uns haben ob dieser, wie Musik in ihren Ohren klingenden Worte, natürlich reihenweise Tränen der Rührung in den Augen. Zugegeben, auf den ersten Blick hört sich Jansens Aussage auch sehr heldenhaft an. Der eingefleischte Hamburger kann es mit seinem rautenförmigen Herzen und dem hanseatischen Blut in den Adern nicht vereinen ein anderes Wappen, als das des HSV, mit seinen Lippen zu liebkosen.

Doch etwas nüchterner betrachtet klingt das alles nach etwas zu viel Pathos und etwas zu wenig Selbstreflexion. Jansen selber sagte, dass er neben dem HSV „natürlich auch Gladbach lieben wird, ganz klar“. Die Stadt am Niederrhein ist schließlich seine Heimat. Neben seinen zwei von drei Stationen im Profifussball (den FC Bayern hat er bei seiner Aufzählung wohl bewusst ausgelassen) zu denen er große Gefühle entwickelt hat, kann er es also nicht mit sich vereinen noch bei einem weiteren Verein das Wappen zu küssen.

Bei aller Liebe, Marcell. Muss denn unbedingt die ganz große Emotionskeule ausgepackt werden? Kann man nicht eine Situation einfach sachlich einschätzen, ohne dabei immer die großen Gefühle der Fans mit in das Boot zu holen?

Es ist selbstverständlich aller Ehren wert, dass Jansen mit dieser Begründung von der großen Fussballbühne geht. Die nüchternen Fakten aber hinterlassen einen leichten Beigeschmack.
Denn, sind wir mal ehrlich, kein noch so fanatischer HSV-Fan hätte es ihm nach den Jahren, in denen er sich immer loyal zum Verein verhalten hat, übel genommen, wenn er nach seiner Hamburger Zeit noch ein paar Jahre woanders gekickt hätte. Man kann ja schließlich auch vollen Einsatz für einen Verein zeigen ohne dabei sein Herz zu verschenken und das Wappen zu küssen. Das ist keineswegs eine Söldner-Attitüde, sondern offen, ehrlich und heutzutage im monetär betimmten Sport auch nötig. Die emotionale Ebene ist eben auch immer von großer Irrationalität geprägt.

Von daher wäre es wünschenswert in Zukunft weniger Wappenküsse zu sehen, als viel mehr professionelle Einstellung und Ehrlichkeit im Umgang mit Fans und Verein. Kein Vorwurf an Jansen, aber etwas weniger Pathos schadet nicht!

#13 – Der große Mannschaftsfahrtsguide

In dieser Serie stehen die abertausenden Amateurkicker im Mittelpunkt. Wir erklären die Faszination Kreisliga und warum es sich immer wieder lohnt die Knochen für den Verein hinzuhalten. An jedem verdammten Sonntag.
Da die Sommerpause gerade allenorts ausgelebt wird, bringen wir euch heute mal einen Guide zum Thema Mannschaftsfahrt und analysieren für euch die gängigsten Ziele. Damit ihr zukünftig den passendsten Ort auswählen könnt!

 

Der Klassiker – Mallorca
(alternativ: Lloret de Mar, Cala Ratjada)

Wetter:
Wettertechnisch braucht man sich beim großen Klassiker unter den Mannschaftsfahrtszielen wenig Gedanken zu machen. Zum Ende der Saison in den Monaten Mai/Juni brät die Sonne über der Balearen-Insel im Mittelmeer normalerweise jeden geschundenen Kreisligakadaver problemlos auf „well done“. Das ist auf der einen Seite durchaus angenehm, doch es kann sich auch negativ auswirken. Ein euphorischer Riesenschluck aus der Bierbong kurz nach Ankunft am Strand wird bei 38 Grad in der prallen Sonne nicht unbedingt einfacher zu verarbeiten für Kreislauf und Leber.
Da man außerdem im leicht angeheiterten Kopf normalerweise wenig Zeit für Unwichtiges, wie Sonnencreme hat, bedankt sich die Haut nach dem ersten Tag mit einem feuerroten Salut an die gleichfarbigen Freunde mit den Scherenhänden im Meer.

Budget:
Das Budget wird hier nicht allzu knapp angesetzt. Man könnte schon fast „üppig“ sagen. Denn mit Flug, Transfer und Hotel, sowie Taschengeld für Getränke und Essen kommt eine Summe zusammen, die sich nicht alle mal eben aus den Rippen schneiden können.
Pro-Tipp: Schon zu Beginn der Saison ein Sparkonto einrichten, dann kann auch jeder finanzschwache A-Jugendliche die nötigen Groschen zusammensparen, um mit den großen Jungs am Ende der Spielzeit loszuziehen.

Versorgung:
Größtenteils fremdbestimmt. Je nach Hotel und Art der Buchung nimmt man natürlich in erster Linie das All-Inclusive-Angebot der Hotelbar in Anspruch. „All you can drink“ wird bei einer Truppe mit stahlharten Lebern natürlich als Aufforderung wahrgenommen. Am Strand werden dann im Normalfall erstmal die Jüngsten mit einem Teil der Mannschaftskasse in den nächstgelegenen Supermarkt geschickt, um dort eine warme Palette landestypisches San Miguel oder Estrella zu holen. Man will ja der örtlichen Kultur Genüge tun. Schmeckt natürlich furchtbar, in der positiven Stimmung des Moments jedoch meint man hier gerade ein hervorragend passendes Schlückchen Cerveza zu sich zu nehmen. Prost und Arriba Andale!
Abends in den Discotheken wird dann vermehrt auf Cocktails und Longdrinks umgestiegen, da Bier sich bereits in allen Poren des Körpers befindet und den Alkoholpegel nicht mehr anheben kann.
Gegessen wird nur, was schnell fertig ist. Pizza auf die Faust, Döner to go oder einen vertrauten Cheeseburger im großen gelben M sind die gängigsten Varianten.

Sportliche Aktivitäten:
Grundsätzlich eher eingeschränkt. Die oftmals im Preis mit inbegriffene Nutzung der Fitnessräume oder Tenniscourts des Hotels hat wohl noch nie auch nur eine Kreisligamannschaft von innen gesehen. Daher beschränkt sich die tägliche Bewegung auf wildes Umherkicken eines halb aufgepumpten Volleyballs oder wahlweise ein bis zehn Runden Flunkyball. Letzteres ist zwar keine offiziell anerkannte Sportart, man bewegt sich dabei aber mehr, als beim Rumlümmeln auf einer Liege.

Ausgehmöglichkeiten:
Zahlreich. Von der berühmten Promenade in El Arenal mit der „goldenen Meile“ vom Ballermann 1 bis 15, über die legendäre Schinkenstraße mit dem Bierkönig, bis hin zu den großen Namen mit Oberbayern, RIU Palace und Megapark. Beim großen „who is who“ der Feierszene auf den Balearen findet man auf Mallorca alles, was das Herz begehrt.

Flirtfaktor:
Hoch. Ganz ganz hoch. Einst sang der berühmte deutsche Dichter und Philosoph Peter Wackel bereits: „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. Nach diesem Motto leben die meisten auch ihre wohlverdienten Tage im siebzehnten Bundesland der Deutschen. Mit einem soliden Alkoholpegel und bei der vertrauten Stimme von Helene aus den Boxen der Großraumdiscothek hat auch der schüchternste Mitläufer die Courage eine holde Maid um einen Tanz zu bitten. Vorausgesetzt, dass alle Körperfunktionen noch planmäßig arbeiten, ist dann auch mit hoher Wahrscheinlichkeit noch etwas mehr drin. Hoffentlich dann aber nicht schutzlos.

Die kleine Lösung – Holland

Wetter:
Da sind wir schon an einem der kritischeren Punkte des Ziels Holland. Unser Nachbarland ist ja für so einige nette Exporte, wie Heineken, Käse oder Sylvie van der Vaart bekannt. Für eines jedoch überhaupt nicht: Gutes Wetter. Hier kann man sich leicht an unserem Klima orientieren. Klar, man kann Glück haben und eins der wenigen sonnigen Wochenenden erwischen. Man kann aber auch Pech haben und aus dem Bungalow in einen vom Regen matschig gewordenen Garten gucken. Hier ist also ganz klar von einem Risikofaktor auszugehen.

Budget:
Das Budget hält sich bei einer Fahrt in die Niederlande im Rahmen. Die Anreise geschieht mit eigenem PKW, vor Ort werden oft mehrere Hütten in einer Bungalowanlage, wie Center Parcs gemietet. Hier kann also das freigewordene Budget bedenkenlos in den Alkoholeinkauf umgeschichtet werden.

Versorgung:
Das ist hier weitestgehend in Eigenregie organisiert. In den bekannten Bungalowparks gilt grundsätzlich die Selbstversorgung. Daher müssen die nötigen Lebensmittel von zu Hause mitgebracht werden. Dass der angemietete Sprinter dann zu 80% mit Bierkästen und Schnapsflaschen gefüllt ist, liegt in der Natur der Sache. Die übrigen 20% entfallen dann auf Grillfleisch und im besten Fall auch der ein oder anderen Rolle Toilettenpapier. Andernfalls ergeben sich spätestens am ersten Morgen Probleme.
Bei der Wahl der Getränke wird auf Bewährtes von Daheim gesetzt. Die Biermarke, die die ganze Saison über getrunken wurde, darf auch auf der Tour nicht fehlen. Beim Hochprozentigen werden dann die gängigen Klassiker, wie Jägermeister, Osbourne oder Rum gewählt, um einen Durchschnittswert der Geschmäcker zu bedienen. Für den Hunger zwischendurch, glüht der Grill den ganzen Tag vor sich hin. Da eine Ernährung bestehend aus Bier und Fleisch zu einseitig ist, hat man meist noch einen guten Eimer Kartoffelsalat dabei. Für das schlechte Gewissen.

Sportliche Aktivitäten:
Die sind hier etwas ausgeprägter. Meistens gibt es einen anliegenden Bolzplatz, auf dem dann eine ebenfalls angereiste Fussballmannschaft zum ultimativen „Wer kann besoffen besser Fussballspielen“-Wettkampf herausgefordert werden. Dass die anfängliche Kumpelhaftigkeit später in Aggressivität umschlägt, ist nicht ausgeschlossen. Desweiteren bieten sich in Ermangelung von Motivation für echten Sport beliebte Trinkspiele mit mehr oder weniger vorhandenen sportlichen Elementen im eigenen Garten hinter dem Bungalow an. Auch hier ist wieder Flunkyball möglich, es bieten sich aber auch an: Beer Pong, Plumpssack oder Bierpendeln.

Ausgehmöglichkeiten:
Nicht viele. Je nach dem wo es einen in den Niederlanden hin verschlagen hat, befinden sich bestenfalls einige Bars und Kneipen im nächstgelegenen Stadtkern. Dort kann man zwar mal vorbeischauen, doch meistens zieht es einen immer wieder dorthin, wo das Bier kostenlos ist.

Flirtfaktor:
Beinahe nicht vorhanden. Da die Ausgehmöglichkeiten stark begrenzt sind, wird auch der Flirtfaktor klein gehalten. Mit zehn Mann das einzige halbwegs annehmbare weibliche Wesen in einer anliegenden Dorfdisco zu bezirzen ist genauso unbefriedigend, wie oberkörperfrei, mit einem Bier in der einen und einer Schale Discounter-Kartoffelsalat vom Grillen in der anderen Hand die benachbarte U19-Frauenvolleyballmannschaft lallend zu fragen, ob sie nicht auf eine unverbindliche Runde Strippoker rüberkommen wollen.

Die Ü30-Fraktion – Sauerland Stern
(alternativ: Dorf Münsterland)

Wetter:
Die Wetterfrage lässt sich hier getrost vollkommen außen vor lassen. Ob es draußen stürmt, schneit oder die Sonne scheint, spielt keine Rolle, wenn man ohnehin nur zwischen Hotelzimmer und den großen Diskothekensälen pendelt.

Budget:
Die Anreise gestaltet sich auch hier eher kostengünstig. Entweder man organisiert sich auch hier in Privat-PKWs oder man greift auf Reisebusse bzw. die Deutsche Bahn zurück. Vor Ort sind die Getränkepreise allerdings mehr als happig. Kombiniert mit den ebenfalls zu entrichtenden Übernachtungskosten wird die eher günstigere Anreise wieder ausgeglichen.

Versorgung:
Bei Anreise mit dem Bus oder der Bahn darf natürlich während der Fahrt schon mit selbst beschafften Getränken ordentlich vorgeglüht werden. Besonders beliebt: Klopfer und Dosenbier. Ist nämlich am leichtesten fachgerecht unter den Sitzen zu verstauen, wenn man ankommt. Die Grundlage zum Alkoholgenuss wird mit Mettbrötchen gebildet, die unter den Zwiebelbergen nur schwer als solche erkennbar sind. Manch einer übernimmt sich bereits auf der Hinfahrt dermaßen, dass er bis zum Abend erstmal ausnüchtern muss, um weiteren Alkohol aufnehmen zu können. Die schwierigen Hindernisse, mit denen ein Partytourist fertig werden muss.
Im Sauerland Stern selber ist Halbpension. Heißt: Katerfrühstück und Grundlage fürs Feiern dort, Alkoholversorgung und Mittagessen in den umliegenden Brauhäusern. Dort gibt es selbstverständlich einen zünftigen Teller Erbsensuppe mit Mettwurst. Man möchte schließlich der Leber zwischen den sechs Maß Bier keine Zeit zum Ausruhen geben.

Sportliche Aktivitäten:
Außer dem Anheben des Bierglases: Fehlanzeige.

Ausgehmöglichkeiten:
Die sind hier im vorhinein klar definiert. Die Partyhütten laden zu Ballermannatmosphäre unter dem jenseits der 30 befindlichen Publikum ein. Hier wird viel geschunkelt und ein heißer Foxtrott auf die Tanzfläche gelegt.  Was man zu Hause wegen einschränkender Faktoren, wie Ehefrau, Kinder oder Abbezahlung eines Kredits nicht mehr ausleben kann, wird hier volle Lotte rausgelassen. Daher fühlt sich die U30-Fraktion dort auch meist ziemlich fehl am Platz. Fremdscham muss dann mit Alkohol betäubt werden.

Flirtfaktor:
Verdammt hoch. Nicht umsonst ist die Partyszene in und um Willingen berühmt berüchtigt für ihre Offenherzigkeit. Ab einem gewissen Alter nehmen die Eitelkeiten beim Flirten erfahrungsgemäß ab. Das macht die Sache etwas einfacher. Nachdem einer Dame etwas Honig um den Mund geschmiert wurde, kann es schneller aufs Hotelzimmer gehen, als ein angeschickerter Kegelclub auf „Zicke Zacke“ ein donnerndes „Hoi Hoi Hoi“ antworten kann. Legenden zufolge sind in der berühmten Hütte von Siggi schon mehr Ehen zu Bruch gegangen, als sonstwo. Und das beruht schließlich auf keinesfalls empirischen Erhebungen!

Der Trend – Goldstrand

Wetter:
Ähnlich beständig, wie auf Mallorca. Die Touristenstadt im östlichen Teil Bulgariens am Schwarzen Meer wird in den Sommermonaten reichlich von der Sonne geküsst. Wenn man hier den zweiten Tag nicht in der Horizontalen verbringen möchte, weil der Sonnenbrand bei jeder Bewegung schmerzt, sollte man unbedingt etwas Sonnencreme an die Haut lassen. Schließlich ist eine typisch englische Hautfarbe bei den Frauen gar nicht mal so angesagt, wie man denkt.

Budget:
Auch hier, ähnlich wie beim Malle-Trip: eher kostenintensiv. Jedoch günstiger, als das „Original“ in Spanien. Wenn man keine zehnstündige Tortur in einem stickigen Reisebus mit nur einer Toilette verbringen will, lässt man sich lieber fliegen. Und das kostet. Vor Ort sind die Preise dann aber verträglicher.

Versorgung:
Je nach Hotelbuchung mit Beanspruchung der täglichen Happy Hour in der Hotelbar. Da wird dem Barkeeper auch mal die Uhr vor die Nase gehalten und wenn der Zeiger rum ist „JETZT“ gebrüllt.
Am Strand gibt es das landestypische Zagorka. Weder weiß irgendwer, wie man das ausspricht, noch kann man genau sagen, ob das geschmacklich nun eher in Richtung Paderborner oder Faxe von der Tankstelle geht. Spielt dann aber keine Rolle, hauptsache es dreht sich. In den Clubs nahe des Strandes wird man zunächst mal von den spottbilligen Longdrink- und Cocktailpreisen umgehauen und meint bereits im Paradies angekommen zu sein. Doch Obacht! Hier sollte man dem Barkeeper besser genauer auf die Finger schauen, denn nicht selten wird hier gepanscht. Im Zweifelsfall lieber die Finger davon lassen, wenn man nicht demnächst mit seiner Horrorstory bei Taff auf Pro7 auftauchen will.
Bei den Mahlzeiten gilt auch hier die Faustregel: Lieber fettig, als flüssig.

Sportliche Aktivitäten:
Der Strand bietet Platz für vorgetäuschte Fussballfähigkeiten, um die Mädels zu beeindrucken. Dass dabei der Ball meist nicht länger als drei Mal hochgehalten werden kann und dann auf den Handtüchern anderer Strandbesucher landet, kann vernachlässigt werden. Man ist ja schließlich im Urlaub. Also lieber auf die Stärken konzentrieren und die umherstehenden Damen mit einem flotten Trinkspiel von der Trinkfestigkeit überzeugen. Denn darauf stehen die Frauen ja!

Ausgehmöglichkeiten:
In den klassischen Großraumdiskotheken mit feinster Musikauswahl irgendwo zwischen 90er-Eurodance und aktuellen Charthits fühlt man sich dann wieder wie zu Hause. Ein besonderes Special findet man in den Clubs am Goldstrand regelmäßig: Die Schaumparty. Das hat nichts mit Schaumwein zu tun, sondern bedeutet tatsächlich, dass die Tanzfläche mit Schaum geflutet wird. Weder will man genau wissen mit welchen chemischen Stoffen dieser Schaum hergestellt wurde, noch ist es daraufhin ein schöner Anblick, wenn die Hälfte aller männlichen Besucher oberkörperfrei und nass weiter tanzt.

Flirtfaktor:
Auch hier absolut vertretbar. Aufgeheizt vom zehnstündigem Sonnenbad am Goldstrand, sind die Damen abends in der Disco bereit ein knapperes Outfit zu präsentieren. Hier kommt dann einer der Vorteile des Schaums zum Tragen: Wet-T-Shirt.
Bleibt festzuhalten: Wer sich auch hier nicht allzu unbeholfen anstellt, hat gute Chancen auf ein kleines Techtelmechtel.

Das Freudenhaus – St. Pauli

Wetter:
Spielt auf St. Pauli auch eher eine untergeordnete Rolle. Schließlich möchte man sich ja hauptsächlich in den zahlreichen Kneipen des Kultstadtteils von Hamburg bewegen. Eine Hafenrundfahrt zum Ausnüchtern am nächsten Morgen geht zur Not auch im Regen, sind ja zumindest überdacht die Boote. Außerdem ist Hamburg ohne Regen auch einfach nicht authentisch!

Budget:
Das kommt ganz darauf an, was man sich so vornimmt. Ist man kein Fan vom Rotlichtviertel, dann geht die Fahrt auch mit kleinerem Geldbeutel durch. Anreise geht auch hier wieder mit Auto, Zug oder Bus. Je nach dem von wo aus in Deutschland man anreist. Günstiges Hostel wird gemietet und obendrauf kommt Taschengeld für Getränke und Essen.
Ist man jedoch ungebunden und kann den netten Damen am Straßenrand nur schwer einen Wunsch ausschlagen, kann der Trip etwas kostspieliger werden.

Versorgung:
Die Hinfahrt wird ähnlich wie nach Willingen gestaltet. Rucksäcke voll mit Dosenbier, belegte Schnittchen und improvisierte Fangesänge prägen die Fahrt. Vor Ort wird sich ganz klassisch von Kneipe zu Kneipe gehangelt. Auf der Reeperbahn trinkt man dann passenderweise ein gutes Astra aus der Flasche vom Kiosk to go und testet den eigenen „Marktwert“ bei den Bordsteinschwalben. Enttäuschung? Ausgeschlossen!
Als Katerfrühstück darf natürlich ein fettiges Fischbrötchen im Hamburger Hafen nicht fehlen.

Sportliche Aktivitäten:
Am nächsten Morgen versuchen nicht zu sterben. Das ist sportlich genug.

Ausgehmöglichkeiten:
Ü-BER-ALL. An jeder Ecke auf St. Pauli ist auch Platz für eine Eckkneipe. Es bietet sich also eine Kneipentour an, die sich gewaschen hat. In jedem Laden ein, zwei Bier und weiter geht es! Eine schnelle Nummer lässt sich aber nicht nur an den Tresen schieben. Bei Interesse ist die berühmt, berüchtigte Herbertstraße nicht weit. In einer Parallelwelt der Gesellschaft kann man hier für ein paar Scheine die eigene Lust befriedigen lassen. Besonders praktisch: Die Damen sind betrunkenes Eventpublikum gewohnt. Wenn man also seinen Mageninhalt noch bei sich behalten kann, steht der schnellen Nummer nichts im Wege.

Flirtfaktor:
Flirten mit Nutten kann man nicht so ganz als echtes Flirten durchgehen lassen. Das ist so wie, wenn der Autohändler beim Verkaufsgespräch dein Auto lobt: Eigene Interessen und so.
Nichtsdestotrotz gibt es auf der Reeperbahn aber auch genügend weibliches Feierpublikum ohne Bezug zum Rotlichtviertel. Bei einem freundschaftlichen Korn in der Ecke der Kneipe kann man die gegenseitigen Interessen dann durchaus adäquat austauschen.

 

Der Fall Calhanoglu – Ein Bauernopfer des Systems

Für viele ist die Situation eindeutig: Der Begriff „Söldner“ bahnt sich wie von selbst aus den Tiefen des Fanherzens an die Oberfläche.

Der (grobe) Hintergrund: Er bekennt sich zum HSV, lässt sich dann krankschreiben, um darauf zu Bayer Leverkusen zu wechseln. Im, von Romantik und Herz dominierten Bereich der Traditionsclubs, ein „Faux-pas“, ein „No-Go“, oder wie man im Ruhrgebiet sagt: „Datt machste einfach nich!“.

Als Fußballspieler darf man so etwas nicht. Aber jeder von uns kennt mindestens eine Person (wenn auch vom Hörensagen), die das schon mal gemacht hat. Und dabei heißt es dann: „Hätte ich wahrscheinlich auch so gemacht!“.

Wischen wir mal die Romantik, den Puderzucker, die Einhörner und Regenbogen beiseite: Der Fußball ist ein Geschäft geworden. Vereine sind Arbeitgeber. Calhanoglu hat seinem Arbeitgeber gekündigt, einen neuen Arbeitgeber gefunden. In den letzten Wochen seines Jobs ging es ihm psychisch schlecht aufgrund der Situation an seinem Arbeitsplatz. Also nimmt er eine Kranschreibung bis zum Ende seines Vertrages. Unter Berücksichtigung, dass da noch ein sehr junger Mensch hinter steckt, wäre das zumindest in der „normalen“ Arbeitswelt nachvollziehbar. Fußballspieler aber heißen, wenn sie sich gegen den eigenen Verein entscheiden und für einen (meistens auch finanziell) besseren Job entscheiden, „Söldner“. Sie sind nur geldgierig und identifizieren sich nicht mit dem Arbeitgeber.  Wenn man mal einen solchen Fall in der Bekanntschaft hat, dann beglückwünscht man Freunden und Kollegen zur gleichen Entscheidung. Wer sich in seinem Job unwohl fühlt und ein besseres Angebot bekommt, der wechselt. Das teilt man seinem aktuellen Arbeitgeber auch erst mit, wenn ich einen neuen Job sicher habe, oder?

Klar, im Endeffekt ist die Reaktion auf seine ungeschickte Außendarstellung nachvollziehbar. Der Fan sieht seinen Verein und damit sich selbst hintergangen. Unprofessionalität gepaart mit unsicheren und ungeschickten Äußerungen führen zwangsläufig zu Schmähungen in diesem Geschäft.

Ist Hakan Calhanoglu dafür verantwortlich?

Bevor jetzt Proteststürme losgehen: Dieses Verhalten ist offiziell im Profifußball unangebracht. Unprofessionell. Doch ich möchte in dieser Situation hinterfragen, ob man die Verantwortung nicht woanders sehen muss: Bei den Verantwortlichen der Vereine und bei sogenannten „Beratern“. Wie man beim ZDF gesehen hat, ist Calhanoglu keine Person, die durch seine verbalen Fähigkeiten glänzt. Das muss bekannt sein. Es liegt also in der Hand des Vereins, diesen Jungen darauf vorzubereiten oder davor zu bewahren.

Abschließend bleibt festzuhalten: Junge Spieler, die limitiert sind in ihren verbalen Möglichkeiten sollten von den Verantwortlichen geschützt werden. Auch die Medien sind in der Verantwortung, Feingefühl zu besitzen und vielleicht zusammen mit den Vereinen zu arbeiten, um solche medialen Desaster zu vermeiden.

Bundesliga in der Sinnkrise

Die Spannung war einst das höchste Gut unserer Bundesliga. Unter den großen europäischen Ligen sogar zeitweise ein Alleinstellungserkmal. Ja, sogar beneidet hat man uns im Ausland. Für eine ausgesprochen ausgeglichene Liga, die regelmäßig andere Meister hervorbringt.
Legendäre Meisterschaftskämpfe und Spannung bis zum letzten Spieltag waren keine Seltenheit. Ganz oben thront natürlich das Saisonfinale 2001 zwischen dem FC Bayern und Schalke 04. Auch bekannt als „Die Mutter aller Saisonfinals“. Danke an dieser Stelle auch nochmal an Rollo Fuhrmann, der damals behauptete das Spiel in Hamburg sei vorbei.

Schöne Erinnerungen, die aber älter und älter werden. Soll heißen: Neue spannende Meisterschaftskämpfe, neue Kapitel im Buch der Zielgeradenentscheidungen suchen wir seit Jahren vergeblich. Ob das nun an der größer gewordenen Qualität liegt und dem damit einhergehendem größeren Leistungsgefälle, lässt sich abschließend wohl nicht beantworten. Das Ergebnis ist jedenfalls eine völlig unausgeglichene Liga. Zunächst war der BVB unantastbar über allen, ab 2012 übernahm dann der FC Bayern wieder und regiert seitdem in noch beeindruckenderer Art und Weise, als je zuvor. Jahrzehntealte Punkterekorde fielen gleich mehrfach, was spannungstechnisch ein schlechtes Zeichen ist.

Irgendwie hat man sich mittlerweile ja schon halbwegs daran gewöhnt, dass die Meisterfrage in der Bundesliga vor einer Saison gar nicht mehr gestellt wird. Dafür sind die Münchner schlicht und ergreifend viel zu weit vom Rest der Liga entfernt. Selbst eine WM-bedingte Schwächephase zu Beginn der Saison konnte niemand der Herausforderer nutzen und so steuert man wohl auch in dieser Saison wieder auf eine ungefährdete Meisterschaft zu.

Es stellt sich also die Frage: Macht eine Bundesliga ohne Titelkampf überhaupt Sinn?
Auf der einen Seite ja, denn es gibt ja schließlich noch den Abstiegskampf. Der ist auch weiterhin spannend. Sich allerdings am Leid und Elend anderer zu ergötzen ist einfach nicht dasselbe, wie der Wettbewerb um Ruhm und Ehre. Auf Dauer also macht die Bundesliga so keinen Spaß mehr. Das kann man weniger dem FC Bayern vorwerfen, als seinen Verfolgern. Die Tatsache aber bleibt frustrierend. Denn der Status Quo wertet die gesamte Liga trotz gesteigerter fussballerischer Qualität im Vergleich dazu, wie sie vor fünf bis sechs Jahren noch war, immer mehr ab. Das mediale  Interesse im Ausland wird mittelfristig trotz WM-Titel weiter sinken.

Ein Patentrezept dagegen gibt es nicht. Es bleibt zu hoffen, dass die Opposition sich stabilisieren kann, damit sie wieder eine ernste Gefährdung der Bayern darstellen kann. Auch wenn das derzeit schwer vorstellbar erscheint.