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No risk, no (Tay)fun

Borussia Dortmund musste nach der Absage von Toplösung Lucien Favre auf der Trainerposition etwas improvisieren. Und so zauberte mal letztendlich Peter Bosz von Ajax Amsterdam aus dem Hut, der zwar kürzlich eine junge Ajax-Truppe bis in das EL-Finale führte, aber darüberhinaus keine nennenswerte Reputation als Trainer hat. Vielversprechende Ansätze sind da, aber eben keine Sicherheit, dass er prompt in das Gefüge eines europäischen Topclubs, wie dem BVB, passt. Ein Restrisiko bleibt.

Doch wenn man in Dortmund schon von Restrisiko bei der Verpflichtung von Bosz spricht, was soll Bayer Leverkusen dann sagen, die offenbar ernsthaft in Erwägung ziehen Bestenfalls-Mittelmaß-Coach Tayfun Korkut weiterzuverpflichten?

Wahrscheinlich lief es etwa so ab:

Nein nein, nix Blockfahne hier

Eine Story, die fast schon zu absurd ist, um sie zu glauben. Im Vorfeld des Pokalhalbfinals zwischen Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt haben die Gladbacher Ultras eine Choreo geplant. Mit großer Blockfahne, allem drum und dran. Soweit alles Normalität für den Rahmen eines wichtigen Spiels. Doch bevor die große Blockfahne zum Einsatz kommen konnte, wurde sie irreparabel beschädigt. Durch eine Putzkolonne, die der Meinung war, dass das Abfall sei. Kein Scherz, wirklich so passiert. Pikanterweise war das auch noch ein eigens vom Verein angeheuertes Putzgeschwader. Einen gewissen Unmut der Ultras kann man wohl nachvollziehen.

Unweigerlich muss man aber an die spanische Putzfrau Consuela aus Family Guy denken, die wohl so geantwortet hätte:

Ilkay & der BVB – Echte Zweckgemeinschaft

Zugegeben, der „Echte Liebe“-Slogan des BVB hat, entgegen der Meinung von sehr vielen gehässigen Internetsadisten, nichts mit der Einstellung der Profis zum Verein zu tun. Mit diesem Marketingkonstrukt soll vielmehr die tiefe Zuneigung der Fans zu ihrer Borussia ausgedrückt werden. Dennoch wird allgemein immer besonders schadenfroh reagiert, wenn ein Spieler des BVB den Verein verlassen möchte. Nach dem Motto: „Wenn der Verein schon von echter Liebe spricht, dann haben sich alle Spieler auch für immer an den Verein zu binden.“ Dass das selbstverständlich nie der Anspruch des Vereins war und ist, wird natürlich nicht erwähnt. Lieber irrationale Schadenfreude, als gar nichts zum Lachen zu haben.

Gündogan hat mit seiner Vorgehensweise natürlich stark polarisiert. Lange Zeit ließ er den Verein und die Öffentlichkeit im Dunkeln tappen und zierte sich bei der Vertragsverlängerung. Dabei kam ihm allerdings, wie manchen seiner Kollegen, kein Treuebekenntnis zu Dortmund über die Lippen, damit die Öffentlichkeit ihn in Ruhe lässt. Als die Planungen für die Spielzeit 15/16 dann konkret wurden und der BVB um eine endgültige Entscheidung bat, kommunizierte er glasklar, dass der sich für einen Wechsel entschieden habe. Es ist zwar nie ein Anlass zum Feiern, wenn ein Leistungsträger den Verein verlassen will, aber eine rechtzeitige Entscheidung und Ehrlichkeit gegenüber den Offiziellen und Fans, gibt wenigstens für alle Seiten Planungssicherheit. Darüber hinaus kann der abgebende Verein auch mit einer üppigen Ablöse Ersatz beschaffen. Und die hätte Dortmund bei einem Jahr Restlaufzeit des Vertrages bekommen.

Doch die Pläne von Gündogan zerschlugen sich und die Verhandlungen mit den angestrebten Clubs aus der Riege der Top 10 europaweit mussten abgebrochen werden. Aus welchen Gründen auch immer. Also nahm man die Verhandlungen mit Dortmund wieder auf und einigte sich auf eine erneute Verlängerung um ein Jahr, damit ein etwaiger Wechsel im Sommer 2016 dem Verein noch Ablöse einbringt. Man könnte also von einer Zweckgemeinschaft für ein Jahr sprechen. Gündogan kann in dieser Saison dann mit starken Leistungen die Angebote von ganz großen Clubs heraufbeschwören und der BVB hat gleichzeitig ein weiteres Jahr einen eingespielten Topspieler in seinen Reihen. Eine klassische Win-Win-Situation.

Dass das nicht wirklich mit der emotionsgeladenen Meinung der Fans zusammenpasst, ist offensichtlich. Doch ist diese irrationale, nach Treue lechzende Einstellung noch zeitgemäß? Kaum.
Der Fussball wird mittlerweile vom Geld regiert. Mit diesem Gedanken muss man sich einfach abfinden, wenn man nicht wieder und wieder enttäuscht werden will. Gündogan selbst hätte auf die erneute Verlängerung verzichten können, um 2016 ablösefrei gehen zu können. Dann hätte er seinen Vertrag sogar erfüllt und man könnte ihm nichts vorwerfen. Vertragsbrüche sind schließlich einer der Hauptreibungspunkte von Traditionalisten mit dem heutigen Fussball. So verlängert er sogar, um seinem Verein eben noch Ablöse einzubringen. Das ist wenig verwerflich.

Der Fussball ist in den letzten Jahren noch schnelllebiger geworden. Für ewige Treueschwüre ist einfach kein Platz mehr, dafür kann zu viel passieren. Warum also nicht eher in Saisons denken, anstatt immer direkt fünf Jahre in die Zukunft zu blicken? Solch ein Denken würde es für alle Beteiligten einfacher machen. Der aktuelle Trend hin zu kürzeren Vetragslaufzeiten, der sich auch in der Bundesliga erkennen lässt, ist ein Indiz dafür, dass zumindest bei den Verantwortlichen ein Umdenken stattfindet. Man kann schließlich auch alles für den Verein geben, sich professionell verhalten und sich nichts zu Schulden kommen lassen, ohne seine Karriere lang bei ein und demselben Verein zu bleiben. Der positive Mehrwert eines Spielers für eine Mannschaft ist nicht an seine Vertragslaufzeit gekoppelt. Dieses Denken sollte auch in die Köpfe vieler traditionsbewusster Fans. Dann klingt auch eine sportliche Zweckgemeinschaft nicht mehr so negativ.

Die Derby-Niederlage – Ein Fehler des Systems?

Das Revierderby vom 28.02.2015 – möglicherweise eine Wende für beide betroffenen Mannschaften. Während der BVB mit dem vierten Sieg in Folge wieder auf Europapokalplätze hoffen darf, muss sich die Schalker Führungsriege nach 4 Niederlagen in den letzten 5 Spielen erneut hinterfragen.

Ich persönlich rechnete ehrlich gesagt mit einem völlig unspektakulären 0:0. Konsequenter Mauerfussball in Blau-Weiß trifft auf unkreativen und uninspirierten Offensivfußball in Schwarz-Gelb – Gähn.

Ich irrte mich. Am Ende hat Schalke 04 Glück, nicht schon in der ersten Halbzeit 4:0 zurückzuliegen. An dieser Stelle Dank an Timon Wellenreuther und an die Dortmunder Abschlussschwäche. In der zweiten Halbzeit dann zwar konzentriertere Defensive der Schalker, aber durch ein Billiardtor, eine kollektive Schnarchpartie und einen geistigen Aussetzer des sonst starken Wellenreuther endet das Spiel 3:0 für den BVB. Hochverdient und eventuell zu niedrig.

Ich arbeite das ganze Mal etwas auf und befasse mich mit folgenden Schwerpunkten: Gründe für die Niederlage, Reaktion der Fans und schlussendlich Kritik am System. Oder wie man in der Dönerbude seines Vertrauens sagt: Einmal mit Alles und scharf!

Die Gründe für die Niederlage scheinen auf den ersten Blick offensichtlich. 31:3 Torschüsse für die Borussia aus Dortmund, 65% Ballbesitz und einer Passquote von bemerkenswerten 82% gegenüber nur 68% auf Seiten der Gelsenkirchener. Wer sich keine Chancen erarbeitet, kann keine Tore schießen, wer keine Tore schießt, kann nicht gewinnen. An dieser Stelle lieben Gruß an Jörg Wontorra, schreib mir die 6 Schleifen auf den Deckel. Ich zahl dann, wenn ich das nächste Mal im Doppelpass sitze.

Die Fans gehen jetzt in den sozialen Netzwerken (Anonymität ist was Feines) auf die Barrikaden: Blutleer, leidenschaftslos, unwürdig. Das sind noch die nettesten Beschreibungen des Auftrittes. Abgesehen von der Tatsache, dass das bei einem 0:0 oder gar einem 0:1 scheißegal gewesen wäre, weil man sich über die Doofheit der Borussen gefreut hätte, aus 31 Torschüssen kein Tor zu erzielen – Berücksichtigt bei all eurer Emotion die taktische Ausrichtung. Sie ist nicht auf Lauffreudigkeit, Ballbesitz und Pressing ausgelegt. Und gerade Auswärts gehört es fast schon zum guten Ton, auf Konter zu spielen. Darüberhinaus fehlte es an offensiven Aktionen, diese Kombination erzeugt meines Erachtens der Eindruck des mangelnden Kampfes.

Die Offensivschwäche ist meiner Ansicht nach auch das zentrale Problem in der aktuellen Situation. Es ist entweder das falsche System für die Mannschaft, oder die falsche Mannschaft für das System. Grundsätzlich kann man sagen: Die Defensive der Schalker ist durchaus in der Lage, das taktische System effektiv und konsequent zu spielen, wie man schon einige Male, zum Beispiel gegen Real Madrid gesehen hat. Wenn man aber nach vorne keine Gefahr aufbaut, macht man es dem Gegner leicht.

Was gegen den BVB noch dazu fehlte, war Konsequenz und Laufwillen im Zentrum vor der Abwehr. Dadurch hatte der BVB viele Räume und konnte sich damit auch viele Chancen erarbeiten. Das ist der einzige Punkt, an dem ich bereit bin, auch vorbehaltlos von mangelnder Einstellung zu sprechen.

Der Fehler im System ist die Offensivqualität. Es fehlen kreative Spieler im Mittelfeld und explosive oder zumindest schnelle Spieler im Sturm. Farfan und Draxler verletzt, die Sechser kaum kreativ oder spielgestaltend, Boateng und Huntelaar nicht schnell und explosiv genug. Für so ein System ist ein Stürmer wie Huntelaar verheizte Qualität. Man verlängert seinen Vertrag, zahlt ihm eine Wahnsinnssumme und kann ihn nicht gebrauchen? Da muss sich Horst Heldt Kritik gefallen lassen. Entweder in der Wahl seiner Spieler, oder in der Wahl des Trainers.

Mit schnellen, flexiblen Angreifern und mit einem Sechser mit Spielmacherqualität kann Di Matteo Schalke 04 mit diesem System in die CL führen. Ohne Verstärkung werden sie es, wenn überhaupt auf den CL-Quali-Platz retten. Ein Überholen durch den BVB wäre katastrophal, aber nicht unmöglich.

Schlussendlich kam das Derby genau zur rechten Zeit: Noch hat man die Möglichkeit, oben zu bleiben. Auch die Kaderqualität für einen Platz unter den ersten 4 hat man. Die Frage die bleibt ist: Schafft es Di Matteo, ein System zu spielen, was zur Mannschaft passt? Denn auch so etwas macht einen guten Trainer aus.

Fazit: Schalke 04 hat akut Nachholbedarf. Entweder rüstet Heldt in der Offensive nach und schafft somit die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung des Systems. Das wird frühestens in der Sommerpause passieren. Die zweite Möglichkeit: Di Matteo passt seine taktische Ausrichtung an das vorhandene Spielermaterial an. Am Ende befürchte ich jedoch, der FC Schalke 04 wird einfach genau so weitermachen und sich mit Ach und Krach auf den vierten Platz mogeln.

Gestatten, Mitch der Knotenlöser

Am Ende ließ er sich zusammen mit seinen überaus erleichterten Kollegen vor der noch viel erleichterteren Südtribüne feiern. Die Rede ist von Mitch Langerak. Die Story bis dahin könnte irgendwann mal vielleicht die Wichtigste in seiner ganzen Karriere sein. Vor dem Spiel gegen die TSG aus Hoffenheim entschloss Klopp sich das wohl letzte Register im Kampf gegen den fortwährenden Abwärtstrend zu ziehen. Er nahm das Dortmunder Urgestein Roman Weidenfeller aus dem Tor und brachte Langerak. Doch wie kam es dazu?

Weidenfeller hat sich in den letzten Jahren durchaus den Status einer Vereinslegende erarbeitet. Als maßgeblicher Teil der Truppe, die in den letzten vier Jahren von Erfolg zu Erfolg eilte, war eine Degradierung bislang eigentlich unvorstellbar. Doch seine Leistungen in dieser Saison sind nicht mehr vergleichbar mit denen zuvor. Er wirkte sehr fahrig, darüberhinaus auch durchaus verunsichert. So trug er auch nicht zuletzt mit seiner Slapstick-Einlage featuring Matthias Ginter gegen Frankfurt zum weiteren Absturz des BVB bei. Da Klopp zuvor personell bereits fast alles ausprobiert hatte, ergriff er also diese Maßnahme.

Aber wer ist denn überhaupt der Mann, der nun von Weidenfellers Schwächephase profitiert? Der Sunnyboy aus Down Under wechselte im Sommer 2010 für eine kleine Ablöse in Höhe von 500.000 Euro als Talent aus Melbourne nach Dortmund. Mit dem Ziel sich zunächst mal zu akklimatisieren und an den europäischen Fussball zu gewöhnen, verhielt er sich stets tadellos, obwohl er nur spielen durfte, wenn Weidenfeller verletzt oder gesperrt war. Und dann zeigte der gebürtig aus Emerald, Queensland kommende Australier bislang immer Leistung. Das blieb auch der Nationalmannschaft seines Landes nicht verborgen und so durfte er auch dort schon fünf Mal zwischen den Pfosten stehen, obwohl er aktuell noch die Nummer zwei hinter Matthew Ryan vom FC Brügge ist. Diese Chance, die er nun von Klopp erhält, kommt also nicht von ungefähr. Viele Stimmen im Dortmunder Umfeld sehen in Langerak wegen seiner Loyalität und souveränen Leistungen in den wenigen Spielen schon länger den designierten Nachfolger von Weidenfeller. Ob das heutige Spiel nun tatsächlich der Amtsantritt als Nachfolger war, muss die Zukunft erst zeigen.

Was aber wohl feststeht ist, dass nach dem heutigen Spiel in der nächsten Woche kein erneuter Wechsel stattfinden wird. Auch wenn Langerak fast beschäftigunglos gegen Hoffenheim war, strahlte er Ruhe aus, überzeugte am Ball und mit aktivem Spielaufbau. Rüstzeug eines modernen Torhüters und ewiger Kritikpunkt an Vorgänger Weidenfeller, der in dem Bereich eher von der alten Schule ist. Sofern man es positiv verpacken will. Auch wenn es am Ende nur Langeraks charaktereigene Lockerheit eines australischen Surferboys war, wird man das in Dortmund gerne so zur Kenntnis nehmen.

Zum einen wird es spannend zu sehen sein, ob Langerak auch als Nummer eins der Schwarz-Gelben weiter konstante Leistungen zeigen kann. Vor allem in Spielen, wo er mehr unter Beschuss genommen werden wird. Zum anderen muss man sehen wie Weidenfeller selber auf eine dauerhafte Ausbootung reagieren wird. Wenn er aber seinen Status als Vereinslegende nicht ankratzen will, sollte er die Rolle als zweiter Mann annehmen und Langerak mit seiner Erfahrung zur Seite stehen. Das würde echte Größe zeigen und wäre letztendlich gewinnbringend für alle.

Ob nun letzten Endes Mitch Langerak der Knotenlöser war oder nur ein Teil davon, ist im Prinzip uninteressant. Die Trendwende ist erstmal geschafft und Langerak darf sich beweisen.

London – Ruhrpott 7:0

Gegensätzlicher können die Grundsätze kaum sein. Auf der einen Seite das schillernde London, auf der anderen Seite der triste Ruhrpott. Szeneviertel gegen Arbeiterviertel, High Life gegen Maloche. Den Vergleich arm gegen reich erspare ich euch. So unterschiedlich diese Gegenden auch sind, interessant ist der Vergleich allemal. Vor allem am Ball.

Im Hinspiel ging der Pott noch mit 3:1 als Sieger vom Feld. Der BVB gewann 2:0 gegen Arsenal, der Schalke holte ein 1:1 bei Chelsea. Diesmal allerdings gab es eine saftige 7:0-Klatsche, die noch ein paar Tage nachschallen wird. Oder auch länger. Die Schalker legten im negativen Sinne am Dienstag bereits vor und holten sich eine stattliche Packung von den an diesem Abend wahren Blues ab. Mourinhos Männer waren wohl der Meinung, dass man auf Schalke mal gut ein High Five gebrauchen könnte. In the face. With a chair. Made of steel. From Hulk. On adrenaline rush. Oder so ähnlich.
Etwa so fühlte es sich auf der Seite der Königsblauen wohl an. Völlig hilflos ergab man sich seinem Schicksal und lud Chelsea mit absurden Fehlern zum Toreschießen ein. Alles das, was beim Sieg gegen Wolfsburg noch klappte, fiel gegen Chelsea komplett aus. Wenn eine Erkenntnis bleibt, dann die, dass di Matteo bisher überhaupt nichts bewegt hat. Keine taktische Entwicklung, keine Handschrift, nichtmal Einsatzwille. Ob man absurderweise auf Schalke demnächst schon wieder die T-Frage stellt, ist zumindest nicht auszuschließen. Eventuell hat Huub Stevens ja eine Rückkauf-Option für Schalke im Vertrag beim VfB Stuttgart.

Nachdem der Baum auf der blauen Seite des Ruhrpotts nun auch langsam zu kokeln beginnt, ist man auf der gelben Seit schon länger dabei den lichterloh brennenden Baum zu löschen. Mit einem Sieg in der Champions League gegen Arsenal hätte man zumindest mal die Flammen ein Stück eindämmen können. Nach der verdienten 0:2-Niederlage hat man aber unbeabsichtigt nochmal einen Schuß Spiritus reingeschüttet. Das bringt selten etwas, das weiß man auch ohne Brandschutzhelferseminar. Helfen konnte sich vor allem die Kreativzentrale beim BVB nicht. Ziemlich ideenlos wirkten Mkhitaryan und Gündogan, Immobile hing vorne komplett in der Luft. Die Defensive um die zuletzt als Unsicherheitsfaktoren verpöhnten Subotic und Ginter sah größtenteils in Ordnung aus, war aber beim ersten Gegentreffer gedanklich noch in Paderborn. In der Folge stabiliserte man sich, allerdings ohne komplett frei von individuellen Fehlern zu bleiben.
Überragend war allein der Support der mobilen gelben Wand. Sie zeigte den traditionell als Operettenpublikum verschrienen Zuschauern im Emirates-Stadium wie Support geht. Nicht umsonst nannte man das Vorgängerstadion „Highbury, the Library“. Den Respekt für ihre Anhänger hat der BVB in Europa längst gepachtet. Den für ihre Leistung auf dem Rasen müssen sie sich erst wieder erarbeiten. Aber unter Beachtung aller absurden Regeln der Serie, springt am Wochenende dann in der Liga wieder ein Sieg raus. Nach dem Motto: Beide Wettbewerbe gleichzeitig geht nicht!

Der psychologische Sidekick – Kramers Eigentor

Heute schreibt für uns der Sportpsychologe Henning Thrien, der zusammen mit Nils Gatzmaga den Blog Sportpsychologie im Fußball betreibt. Dort werden einerseits aktuelle Ereignisse unter die Lupe genommen, andererseits geben sie Tipps für den Sportalltag. Sowohl Spieler als auch Trainer finden auf ihrer Homepage interessante Artikel, wie durch kleine Hebel Großes bewirkt werden kann.

Sportpsychologe mit Schwerpunkt Fussball: Henning Thrien

Diesmal lehnen wir von DIAGO uns also mal zurück und wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

Zugegeben, kurios war das Eigentor von Kramer schon, welches den BVB nach mehr als einem halben Dutzend sieglosen Spielen in der Bundesliga zurück auf die Erfolgsspur brachte. Jedoch, aus psychologischer Sicht betrachtet, hatte der BVB einen großen Anteil an diesem Tor. Warum dieses Eigentor ein Produkt aus der Spielentwicklung gewesen sein könnte, soll diese taktisch-psychologische Analyse darstellen.

  1. Hoher Druck des BVB: Die Gladbacher waren über die gesamte Spieldauer nicht in der Lage geordneten Spielaufbau zu betreiben. Vor allem Christoph Kramer als zentral-defensiver Akteur stand unter Dauerdruck. Ihm fehlten von Beginn an Aktionen, welche ihm Selbstvertrauen schenken konnten. Er hangelte sich von Fehler zu Fehler. Das Ergebnis: Sein situatives Selbstvertrauen schrumpft, das Vertrauen in situative Aktionen fehlt.
  2. Physische Zermürbung greift mentale Frische an: Der eben erwähnte Dauerdruck des BVB raubte den Gladbachern körperliche Ressourcen. Diese Ressourcen sind aber wichtig, damit geistige Frische intakt bleiben kann. Kramer fehlte in dieser Situation eindeutig diese geistige Toughness. Ihm fehlt die Orientierung und situative Entscheidungssicherheit („Wo befinde ich mich“, „Wo steht der Keeper, der defensiv orientierte 6er“, „Wie ist meine Fußstellung/Körperhaltung zum Ball“) um einen qualitativen Ball zu spielen.
  3. Dortmund behält die Kontrolle und belohnt sich für hohen Aufwand: Die Dortmunder raubten den Gladbachern den Mut für ihre eigenen Aktionen. Gladbach reagierte über die gesamte Spieldauer, Dortmund agierte. Dieses Zusammenspiel aus Aktion und Reaktion macht einen wichtigen psychologischen Unterschied aus. Das Team, das agiert, kreiert über die Gesamtspieldauer selbstbewusstseinsfördernde Momente. Der Punkt „Kontrolle über das Geschehen haben“ ist dabei immens wichtig: Auch wenn eine Aktion einmal nicht erfolgreich endet, so war man doch derjenige, der die Initiative ergriffen hat. Gladbach hingegen hatte keinerlei Kontrolle über das Spiel, war in konstanter Reaktion gefangen. Dementsprechend waren die eigenen Aktionen fremdgesteuert. Dortmund diktierte nach Belieben, Gladbach war in dieser Diktatur gefangen. Fazit: Kontrolle über das Spiel gewinnen ist eine bekannte Fußballer-Floskel. Doch auch psychologisch betrachtet ist Kontrolle im Spiel ganz wichtig: Wer kontrolliert, der handelt, der bestimmt. Kontrolle führt zu Selbstvertrauen in eigene Aktionen und zur Schwächung des Selbstvertrauens des Gegners.

Kramers Eigentor gehört deswegen zu mindestens 90% dem BVB: Sie haben den Gladbachern die Kontrolle entzogen und sie demnach systematisch entmutigt.

Wenn euch gefällt, was ihr gerade gelesen habt, schaut doch mal bei unseren Kollegen auf www.psychologie-fussball.de vorbei. Dort findet ihr weitere sportpsychologische Analysen!