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No risk, no (Tay)fun

Borussia Dortmund musste nach der Absage von Toplösung Lucien Favre auf der Trainerposition etwas improvisieren. Und so zauberte mal letztendlich Peter Bosz von Ajax Amsterdam aus dem Hut, der zwar kürzlich eine junge Ajax-Truppe bis in das EL-Finale führte, aber darüberhinaus keine nennenswerte Reputation als Trainer hat. Vielversprechende Ansätze sind da, aber eben keine Sicherheit, dass er prompt in das Gefüge eines europäischen Topclubs, wie dem BVB, passt. Ein Restrisiko bleibt.

Doch wenn man in Dortmund schon von Restrisiko bei der Verpflichtung von Bosz spricht, was soll Bayer Leverkusen dann sagen, die offenbar ernsthaft in Erwägung ziehen Bestenfalls-Mittelmaß-Coach Tayfun Korkut weiterzuverpflichten?

Wahrscheinlich lief es etwa so ab:

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Der Fall Calhanoglu – Ein Bauernopfer des Systems

Für viele ist die Situation eindeutig: Der Begriff „Söldner“ bahnt sich wie von selbst aus den Tiefen des Fanherzens an die Oberfläche.

Der (grobe) Hintergrund: Er bekennt sich zum HSV, lässt sich dann krankschreiben, um darauf zu Bayer Leverkusen zu wechseln. Im, von Romantik und Herz dominierten Bereich der Traditionsclubs, ein „Faux-pas“, ein „No-Go“, oder wie man im Ruhrgebiet sagt: „Datt machste einfach nich!“.

Als Fußballspieler darf man so etwas nicht. Aber jeder von uns kennt mindestens eine Person (wenn auch vom Hörensagen), die das schon mal gemacht hat. Und dabei heißt es dann: „Hätte ich wahrscheinlich auch so gemacht!“.

Wischen wir mal die Romantik, den Puderzucker, die Einhörner und Regenbogen beiseite: Der Fußball ist ein Geschäft geworden. Vereine sind Arbeitgeber. Calhanoglu hat seinem Arbeitgeber gekündigt, einen neuen Arbeitgeber gefunden. In den letzten Wochen seines Jobs ging es ihm psychisch schlecht aufgrund der Situation an seinem Arbeitsplatz. Also nimmt er eine Kranschreibung bis zum Ende seines Vertrages. Unter Berücksichtigung, dass da noch ein sehr junger Mensch hinter steckt, wäre das zumindest in der „normalen“ Arbeitswelt nachvollziehbar. Fußballspieler aber heißen, wenn sie sich gegen den eigenen Verein entscheiden und für einen (meistens auch finanziell) besseren Job entscheiden, „Söldner“. Sie sind nur geldgierig und identifizieren sich nicht mit dem Arbeitgeber.  Wenn man mal einen solchen Fall in der Bekanntschaft hat, dann beglückwünscht man Freunden und Kollegen zur gleichen Entscheidung. Wer sich in seinem Job unwohl fühlt und ein besseres Angebot bekommt, der wechselt. Das teilt man seinem aktuellen Arbeitgeber auch erst mit, wenn ich einen neuen Job sicher habe, oder?

Klar, im Endeffekt ist die Reaktion auf seine ungeschickte Außendarstellung nachvollziehbar. Der Fan sieht seinen Verein und damit sich selbst hintergangen. Unprofessionalität gepaart mit unsicheren und ungeschickten Äußerungen führen zwangsläufig zu Schmähungen in diesem Geschäft.

Ist Hakan Calhanoglu dafür verantwortlich?

Bevor jetzt Proteststürme losgehen: Dieses Verhalten ist offiziell im Profifußball unangebracht. Unprofessionell. Doch ich möchte in dieser Situation hinterfragen, ob man die Verantwortung nicht woanders sehen muss: Bei den Verantwortlichen der Vereine und bei sogenannten „Beratern“. Wie man beim ZDF gesehen hat, ist Calhanoglu keine Person, die durch seine verbalen Fähigkeiten glänzt. Das muss bekannt sein. Es liegt also in der Hand des Vereins, diesen Jungen darauf vorzubereiten oder davor zu bewahren.

Abschließend bleibt festzuhalten: Junge Spieler, die limitiert sind in ihren verbalen Möglichkeiten sollten von den Verantwortlichen geschützt werden. Auch die Medien sind in der Verantwortung, Feingefühl zu besitzen und vielleicht zusammen mit den Vereinen zu arbeiten, um solche medialen Desaster zu vermeiden.

Hakan Calhanoglu, The Expendable

Der Fussball heutzutage ist sicher nicht mehr der, der er vor vielleicht 20 Jahren noch war. Der Einfluss des Geldes hat dramatisch zugenommen. Diese Entwicklung kann man auf der einen Seite als Kompliment verstehen, denn nur in Märkte mit hohem Entwicklungspotenzial und dem entsprechendem Wiederverkaufswert wird derartig viel Geld investiert. Und der Fussball ist zweifelsohne so einer. Keine Sportart genießt weltweit mehr Aufmerksamkeit, keine Sportart generiert derartig hohe Werbewerte.

All das klingt nach einer großen Erfolgsstory. In Wirklichkeit aber wandelt der Fussball seit einigen Jahren auf einem schmalen Grat. Denn er spielt mit dem, was ihn erst zu dieser Marketingmaschienerie hat werden lassen: seine wahren Fans.
Sie lassen sich zweifelsohne als Herz und Seele des Fussballs beschreiben und machen ihn letztendlich aus. Und die sind, anders als die eventorientierten Semi-Fans, wenig interessiert an der Show um den Sport herum, die aber für die Veranstalter das meiste Geld generiert.

Eine weitere Auswirkung der Kommerzialisierung sind die immer höheren Summen, die der einzelne Spieler damit verdienen kann. Getrieben durch profitwütige Berater werden die Profis heute mehr und mehr zu schnellen Wechseln gedrängt. Diese Profitgier der drahtziehenden Personen bewirkt natürlich starke Veränderungen in den Köpfen der Spieler. Meistens sind es die jungen Spieler, die charakterlich noch nicht so gefestigt sind, dass sie dem Einfluss der Berater widerstehen können. So kommt es seit geraumer Zeit immer wieder dazu, dass junge, aufstrebende Talente bei der nächstbesten Gelegenheit den Verein verlassen um dorthin zu ziehen, wo das meiste Geld geboten wird. Schmackhaft gemacht durch Berater, die eine satte Provision wittern.
Konsequenz dieser Entwicklung sind fehlende Vereinsidentifikation und zunehmendes Söldnertum.

Ein aktuelles Beispiel für diese Entwicklung stellt die Wechselposse um Hakan Calhanoglu dar. Und das ist nicht irgendein Beispiel, es ist die aktuelle Spitze, eine neue Dimension in der Entwicklung des Fussballs. Noch nie zuvor stellte ein Spieler sich in aller Öffentlichkeit derart profitorientiert und skrupellos dar. Er machte keinerlei Hehl daraus, dass ihn Identifikation mit dem HSV oder die Gefühle der Fans nicht interessieren. Er suchte in seiner Argumentation sogar den Weg nach vorne: Warf den HSV-Fans Verständnislosigkeit in Bezug darauf vor, dass ihm sich ja die vielleicht einmalige Gelegenheit bieten würde in Leverkusen Champions League zu spielen und sich bestmöglich für die türkische Nationalelf auf dem Weg zur EM 2016 zu empfehlen.
Scheinheilige Argumente auf der Suche nach moralischer Unterstützung um einen Wechsel nach Leverkusen zu erzwingen. Aber das war noch nicht genug. Als letzten Trumpf zog Calhanoglu die Streik-Karte aus dem Ärmel und verweigerte unter dem Vorwand einer angeblichen psychologischen Angststörung in Bezug auf den aufgebrachten Hamburger Mob das Training. Mit offizieller Krankschreibung, man möchte ja von allen Seiten abgesichert sein.
Schlussendlich gab der HSV dem Laientheater des Jungprofis nach und ließ ihn ziehen.

Wie Sylvester Stallone und seine Mannen im Film „The Expendables“ geht auch Calhanoglu, wie ein Söldner seinen Weg ohne Rücksicht auf Verluste dorthin, wo ihm aktuell das meiste Geld geboten wird. Natürlich verstößt die Grundidee des Söldnertums gegen keine Gesetze. Es sei denn man tötet dabei Menschen. Your choice, Stallone! Wenn man aber nur gegen Geld kickt, ist das gesetzlich unbedenklich.

Dennoch, die moralischen Vorstellungen eines leidenschaftlichen Fussballfans tritt es mit Füßen. Und der ist schließlich immernoch Herz und Seele des Fussballs. Typen, wie Calhanoglu sind in unserem Fussball mehr als entbehrlich!

 

Beitragsbild: Quelle