Die Schland-Konjunktur

Die Europameisterschaft in Frankreich hat die Vorrunde nun hinter sich. Sportlich gesehen war das oftmals eher eingeschlafene Füße, als vor Aufregung zitternde Hände. Die deutsche Mannschaft hat sich davon nicht abheben können. Gruppenerster, aber wenig Highlights. Doch fernab vom Geschehen auf dem Platz: Wie ist eigentlich die Stimmung im Land des Weltmeisters? Sind wir alle noch so schön verliebt in unsere Nationalelf, wie am ersten Tag des Sommermärchens 2006? Die Antwort bedarf einiger Beleuchtungen.

Mit der Begeisterung für unsere Nationalmannschaft ist es, wie in einer wirtschaftlichen Konjunktur. Die WM 2006 im eigenen Land war der Auslöser für den Aufschwung. Wie in einer Beziehung, war die Begeisterung nie wieder so intensiv, wie in der ersten Phase der Liebe. Irrational, aber emotional findet man pauschal alles toll, was der andere macht. Kurz nach dem Turnier in Deutschland war die Stimmung am Siedepunkt. Da hätte man wahrscheinlich ein Public Viewing veranstalten können, das auf einer Leinwand live zeigt, wie die Mannschaft nach dem Training ausläuft und es hätten 50.000 auf der Fanmeile in Berlin gestanden. Unter der Woche. Im Regen. Vormittags. Man war einfach froh, dass der deutsche Fussball international wieder auf Augenhöhe mit den Besten war. Der Dank dafür ist uneingeschränkte Zuneigung und eine ausgeprägte Expansion des Patriotismus.

In den Jahren nach dem vielzitierten Sommermärchen verfestigte sich die Liebe zum Flaggschiff des deutschen Fussballs. Die Expansion war in vollem Gange. Weitere Erfolge wurden gefeiert, in jedem Turnier seit 2006 ging es mindestens bis ins Halbfinale. Man gewöhnte sich aneinander und die Erfolge wurden mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit. Genau wie es zur Selbstverständlichkeit wurde, dass das Gucken der Spiele aufwändig zelebriert werden muss. Mit Fanartikeln und mindestens einem Grillabend drumherum. Wir unterscheiden zwischen zwei Zeitaltern des Fussballguckens: Vor 2006 und nach 2006. Während es vor 2006 als asozial angesehen wurde das Gucken zu zelebrieren, wird es seit 2006 als asozial angesehen es NICHT zu zelebrieren. Dieses Jahr war sozusagen der Break-Even-Point des gemeinsamen Fussballguckens. Während es vor der WM bei uns eher darum ging in möglichst kompetenter Runde das Spiel aufmerksam zu verfolgen, liegt der Fokus danach hauptsächlich darauf, die äußeren Umstände möglichst ausgiebig zu feiern. Ohne schwarz-rot-goldenen Wimpelketten, selbst gemixtem Deutschlandschnaps und Flagge auf den Wangen ist es kein echtes Rudelgucken mehr.

2014 war man dann auch sportlich endlich am Ziel aller Träume: Weltmeister. Gefeiert von einem schwarz-rot-geilem Schland-Volk, das diesem Team zu Füßen lag. Noch Wochen danach wurde jeder Schritt der frisch gebackenen Weltmeister medial ausgeschlachtet und an die erfolgsgeile Menge verfüttert. Der Gipfel aller Vaterlandsliebe war erreicht. Man hatte den endgültigen Boom ausgelöst.

Dieses Turnier scheint nun erstmals wieder anders zu sein. Emotional anders. Wochenlange Vorfreude auf die Endrunde in Frankreich konnte man nirgendwo wirklich spüren. Es schien, als hätten die Leute wichtigere Themen, fernab vom Fussball. Als das Turnier dann auch für das deutsche Team begann, kam der Fussball plötzlich und unerwartet zurück in den Fokus. „Achja, Deutschland spielt ja morgen. Ich hab die Fanartikel noch gar nicht rausgeholt und Grillzeug besorgt“. Offenbar sind die Spiele der deutschen Mannschaft bei einem Turnier so etwas geworden, wie Weihnachten, Ostern, Silvester oder Geburtstage. Feststehende Termine, an denen traditionell ein bestimmtes Programm abgespult wird. Komme, was da wolle. Egal, ob man dafür in Stimmung ist oder sich damit im Vorfeld überhaupt beschäftigt hat. Rudelgucken ist Pflicht. Und Jubeln auch.

Der seit 2006 etablierte, offen zur Schau gestellte Patriotismus, den die Erfolge der Nationalelf heraufbeschworen haben, steckt in einer Rezession. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Sicher spielt auch eine Rolle, dass eine sportliche Sättigung eingetreten ist, nachdem man den größten aller Titel bereits gewonnen hat und das Interesse, einhergehend mit der Identifikation, gesunken ist. Auf der anderen Seite trägt die aktuelle politische Lage aber sicherlich auch zur abschwingenden Begeisterung für das eigene Land bei. Viele sind noch immer schockiert darüber, in welche politische Richtung die Meinung einiger Teile der Bevölkerung abzudriften droht und entfernt sich von der Identifikation her vom anders denken Lager. Auch der Brexit tut sein übriges dazu und verschärft die Unsicherheit in Bezug auf die politische Zukunft. Das alles ist momentan für viele wichtiger, als beim Fussball Flaggen zu schwingen.

Ob wir aber nun in eine echte Depression rutschen oder nur eine kurzweilige Rezession durchlaufen, wird sich zeigen. In Anbetracht aber der immer größer werdenden Gräben zwischen einzelnen politischen Lagern, die sich in den letzten zwei Jahren gebildet haben, bleibt zu befürchten, dass die einst im Jahre 2006 so frenetisch gefeierte, zurückgewonnene Identifikation mit unserem Land in den kommenden Jahren nicht einfach so mit schönem Fussball wiederherstellbar ist. Die Weltoffenheit, in der sich Deutschland nun jahrelang gesonnt hat, scheint stark gefährdet. Vielleicht wurde sie aber auch nie wirklich „echt“ gelebt, sondern nur als besonders positives Attribut dankend angenommen und gegenüber dem Rest der Welt präsentiert.

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