Warum Kimmich kein neuer Lahm sein sollte

„Der neue deutsche Rechtsverteidiger“, „Lahm 2.0“ oder „Komet-Kimmich“. Die Presse sparte nach dem ersten EM-Spiel von Joshua Kimmich nicht gerade mit Superlativen. Quasi wurde der EM-Debütant aus dem Stand in den Fussballhimmel gelobt und zur lang ersehnten Rechtsverteidigerlösung auf Dauer auserkoren. Dass man in Deutschland offenbar bereits nach einem guten Spiel bereit ist, diese Position in der Nationalelf auf Jahre in die Hände eines Spielers zu geben, zeigt nur wie verzweifelt man nach einem Nachfolger von Philipp Lahm sucht.

Während Löw auf der gegenüberliegenden Linksverteidigerposition mit Jonas Hector die gesamte Qualifikation zur EURO durch spielte und diesen mittlerweile etabliert hat, gab es auf der rechten Seite Wechsel ohne Ende. Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Rudy, Rüdiger, Höwedes, Ginter, Can, Mustafi. Sie alle durften sich seit dem Finale in Rio de Janeiro 2014 auf dieser Position versuchen. Keiner konnte wirklich überzeugen. Bei Rüdiger, Höwedes, Ginter und Mustafi zeigte sich, dass sie durch ihren Innenverteidigerursprung zwar defensiv ihre Aufgaben lösen, jedoch offensiv nicht dem Anspruch eines modernen Außenverteidigers gerecht werden können. Fehlendes Tempo und Dribbelstärke sind die Hauptgründe. Can kommt zwar eher aus dem defensiven Mittelfeld, bringt also die nötige Ballkontrolle mit, aber auch ihm fehlt das Tempo und die Wendigkeit. Rudy kommt positionstechnisch aus ähnlichen Gefilden, ist aber von seiner Spielanlage her beweglicher. Er hätte am ehesten von den Grundvoraussetzungen auf die defensive Außenbahn gepasst. Daher probierte Löw ihn wohl auch die meisten Spielminuten lang während der letzten zwei Jahre dort aus. Doch wirklich überzeugen konnte er nie, weshalb ihm wohl auch der Sprung in den EM-Kader verwehrt blieb. Ihm fehlen einfach ein paar Prozentpunkte der fussballerischen Klasse, um auf internationalem Niveau mithalten zu können.

Daher war auch zum Start dieses Turniers noch immer keine Endlösung gefunden. Löw wählte daher die Sicherheitsvariante und ließ mit Höwedes einen immerhin international auf der Außenverteidigung erprobten Innenverteidiger ran. Die Lösung mit dem wenigsten Risiko. Gegen den offensiv ungefährlichsten Gruppengegner Nordirland versuchte es Löw nun mit dem jungen Kimmich, der von Guardiola im Laufe der Saison bereits zur Positionsflexibilität erzogen wurde. Wie erwartet wurde er defensiv nicht nennenswert gefordert und konnte daher offensiv einige Akzente setzen, mit guten Flanken und intelligentem Hinterlaufen. Überhaupt passt Kimmich von seiner ballsicheren Spielanlage her wesentlich besser auf die moderne Außenverteidigerposition, als Höwedes. Kimmich ist es gewohnt, am Kombinationsspiel teilzunehmen, was eminent wichtig ist, um die rechte Seite ausreichend zu beleben.

Die Voraussetzungen langfristig der Rechtsverteidiger in der Nationalelf zu bleiben, sind für Kimmich gegeben. Den Beweis, dass er dies aber auch gegen die europäische Elite im Nationalmannschaftsfussball gewinnbringend spielen kann, muss er noch antreten. Doch diesem jungen Spieler mit Vergleichen und Lobpreisungen über den grünen Klee, eine fast unerfüllbare Erwartungshaltung aufzuzwängen, ist schlicht absurd. Nach einem Spiel zu meinen, den neuen Weltklassemann nach Lahm gefunden zu haben, ebenso. Lahm war sicherlich nie unumstritten in seiner Funktion als Kapitän, doch seine schier unendliche Konstanz und Sicherheit sind nicht mal eben nach einem guten Spiel zu kopieren.

Also: Lasst Kimmich sich in Ruhe entwickeln und hört mit den Vergleichen auf. Andernfalls suchen wir bald wieder nach dem nächsten Rechtsverteidiger für Deutschland.

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3 Kommentare zu “Warum Kimmich kein neuer Lahm sein sollte”

  1. Hey! Sehr cooler Artikel.
    Was haltet ihr sonst von Kimmich bei Bayern? Ich denke ja das er zur Zeit richtig abgeht und vor allem torgefährlich geworden ist. Galube auch, dass er im zentralen Mittelfeld besser ist als als Rv.

    Gefällt mir

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