Gefährdet die Bundesliga den Amateurfussball, Herr Watzke?

Der große Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten.

„Der wahre Fussball wird doch in der Kreisliga gespielt!“
„Die großen Manager in der Bundesliga haben doch keine Ahnung von der Basis!“
„Guckt euch mal ein Derby in der Kreisliga an, das sind wahre Emotionen!“
„Da opfern Leute ihre Freizeit und ihr Geld, während in der Bundesliga ohne Herz und nur für dicke Schecks gespielt wird!“

Doch was war passiert?

BVB-Macher Hans-Joachim Watzke hatte für die Montagsausgabe des Kicker ein Interview gegeben. Thema waren unter anderem die Anstoßzeiten der Bundesliga, im Speziellen der Sonntag als Spieltag.
Der genaue Wortlaut war so:

Watzke wurde also konkret darauf angesprochen, ob eine mögliche neue Anstoßzeit um 13:30 sonntags nicht den Tod des Amateurfussballs bedeuten würde, da niemand um drei Uhr selbst auf dem Platz stehen kann, wenn er um halb zwei ein Bundesligaspiel guckt. Watzke, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender eines Landesligisten (Rot-Weiß Erlinghausen), ist der Meinung, dass nicht der Bundesligaspieltag am Sonntag der Grund für verschwindend geringen Zuschauerzahlen sind, sondern ganz andere Probleme im Vordergrund stehen. Der Amateurfussball sei „nicht sexy genug“. Ihm würde „der Event-Charakter fehlen“, der für eine höhere Resonanz heutzutage zwingend notwendig sei. Die gesellschaftliche Veränderung des Freizeitverhaltens ist laut Watzke der Übeltäter.

Harte Aussagen, die erwartungsgemäß einen Sturm der Entrüstung aus dem Lager aller Amateurkicker provoziert haben. Wenn man selber als Spieler in den niedrigsten Ligen des Landes unterwegs ist und sonntags selber auf dem Platz steht, dann macht man das selbstverständlich nur, weil man mit vollem Herzen das Spiel liebt. Zuschauerzahlen oder gar Monetäres sind maximal Nebenaspekte. Wenn überhaupt. Die Emotionen stehen also im Vordergrund. Daher fühlen sich viele Kreisligaspieler auch in der Ehre verletzt, wenn sie lesen müssen, dass jemand aus dem so weit entfernten Hochglanz-Business Bundesliga über die Amateurligen urteilen will. Der plakative Ausdruck „nicht sexy genug“ ist dann quasi der Tropfen, der das emotionale Fass zum Überlaufen bringt. Denn für eingefleischte, leidenschaftliche Aktive gibt es eben nichts, was so „sexy“ ist, wie sich sonntags 90 Minuten lang Schürfwunden zuzuziehen und um jeden Zentimeter Boden zu kämpfen als gäbe es kein Morgen mehr. Eine absolut ehrenwerte Einstellung, jedoch lässt sich diese nicht auf die gesamte Gesellschaft umlegen oder gar strukturelle Probleme beheben.

Die Zuschauerzahlen in den vielen Amateurklassen des Fussballs sind durchweg verschwindend gering. Das ist ein Fakt, den man jeden Sonntags auf ein Neues beobachten kann. Neben den paar hartgesottenen Vereinsurgesteinen, die seit Jahrzehnten an der Bande stehen und den Angehörigen der Spieler sieht man in den untersten Ligen normalerweise wenig bis gar keine weiteren Gesichter am Spielfeldrand.
Offizielle Statistiken dazu gibt es selbstverständlich nicht. Diese Tendenzen beruhen auf Erfahrungen und Beobachtungen von Aktiven.

Wo liegen also die wahren Gründe für wenig Zuschauerinteresse am Amateurkick?
Die Sonntagsspiele der Bundesliga hier als Grund aufzuführen ist zu einfach. Der ein oder andere ist natürlich sonntags mal im Stadion, um seinen Verein in der Bundesliga zu sehen oder sieht das Spiel bei Sky. Allerdings spielt ein Bundesligaverein über die Saison gesehen nur eine überschaubare Anzahl an Sonntagsspielen. Ansonsten hat der Amateurfussball an sich keine Veränderung durchgemacht. Die Stadionwurst schmeckt noch immer gleich und das fussballerische Niveau ist noch immer mies. Daran kann es also nicht liegen.
Die von Watzke genannten Gründe kommen der Sache schon wesentlich näher. Das Freizeitverhalten der Menschen hat sich verändert. Es scheint so zu sein, dass „eventorientierte“ Aktivitäten wesentlich attraktiver sind, als eher bodenständige Alternativen, wie dem holprigen Kick um die Ecke. Man liegt sonntags lieber auf der Couch und vertreibt sich die Zeit mit Hochglanz-Entertainment auf TV, Tablet, Smartphone oder PC, anstatt einem Kumpel beim Kicken zuzusehen. Andernfalls betätigt man sich lieber selber sportlich, anstatt anderen auf niedrigem Niveau dabei zuzusehen.
Die Amateurfussball-Szene ist sehr speziell und in sich verschworen, daher kommen Worte, wie die von Watzke oftmals in den falschen Hals und werden irrational wahrgenommen.

Auch wenn Watzkes Meinung etwas unsensibel dem Amateurfussball gegenüber ausgedrückt ist, im Kern liegt er richtig. Wenn die Bundesliga demnächst sonntags um halb zwei spielt, wird das, wenn überhaupt, nur verschwindend geringe Auswirkungen auf die Kreisligen haben. Der ein oder andere Aktive wird mal ein oder zwei Sonntage stadionbedingt, wenn sein Club spielt, pro Saison verpassen, okay. Aber das ist ein Maß an Einschränkung, was nicht auffallen wird. Etwas mehr Einschränkung könnte es in den Ligen über den Kreisligen geben. Dort sind die Zuschauerzahlen dann doch im Verhältnis etwas höher. Hier kalkuliert man als Verein schließlich auch mit ein paar Euro Eintritt, einer Wurst und zwei Bier im Verkauf. Hier könnten kleinere Einbußen spürbar sein. In welchem Maß letztendlich dann auch immer.

Nichtsdestotrotz sollten auch Führungspersönlichkeiten aus dem Hochglanzgeschäft Bundesliga die Sorgen und Ängst aus dem Amateurbereich ernst nehmen und diese mit dem nötigen Respekt behandeln. Dies ist Watzke aufgrund der Wortwahl nicht ganz gelungen.

Advertisements

5 Kommentare zu “Gefährdet die Bundesliga den Amateurfussball, Herr Watzke?”

  1. Der Autor geht aber sehr nett mit Herrn Watzke um…..
    Als Vorsitzender eines Landesverbandes hat er sich AUCH um die kleinen Vereine zu kümmern, und natürlich kosten die Sonntagsspiele der BULI den kleineren Vereinen Zuschauer. Wer bleibt nicht im Winter Sonntags auf der Couch sitzen, wenn ein BULI-Spiel im TV übertragen wird, anstatt sich ein Kreisliga A Spiel anzusehen???
    Alles andere ist Augenwischerei!
    Herr Watzke sollte sich lieber bewusst werden, wo seine Stars das Fussball spielen gelernt haben, bzw den ersten Kontakt zum Lederball hatten. Genau bei den Vereinen, die jetzt noch weiter kaputt gemacht werden sollen.
    Natürlich sind nicht nur die Sonntagsspiele am Zuschauerrückgang schuld, aber die geänderten Anstosszeiten der BULI sind ein weiterer dicker, fetter Tropfen dazu.

    Gefällt 1 Person

  2. Watzke hat erstmal grundsätzlich keine Ahnung vom Amateurfußball, neben der Tatsache das er wie einige andere „Vereins-Bosse“ nur auf noch mehr Geld schaut und Fannähe garnicht kennt…Denn natürlich spielen nicht nur Kreisliga C Spieler um 13.30Uhr..Watzke hat mit dem Interview unterstrichen, das er nicht viel im Kopf hat, was mir Respekt abverlangt….Aber egal…Klar ist, das WIR Fußballer/Fans ect. Geld zahlen und Zeit opfern sollen, um Watzke und seinem Verein unser Geld in den A…zu schiessen. Und WIR machen das ja alle, auch wenn es uns nicht passt. Das weiss auch der BVB Boss. Die Begeisterung für Fußball besteht bei vielen darin, auch selber zu kicken, in einer Mannschaft zu sein, am Vereinsleben teilzunehmen, sich evtl. jede Woche den Arsch aufzureissen, damit genug Zuschauer kommen, damit genug Geld eingenommen wird um zu überleben und natürlich um erfolgreichen Amateurfußball zu spielen…Wenn man weiterhin gegen den eigenen Unterbau (zeitlich) antritt, ohne Rücksicht auf die Basis und damit vielen Bundesligafans zwingt, sich zu entscheiden wo sie Sonntags nun hingehen, dann ist das ein weiterer großer Schritt in Richtung Vereinsfusionen, Vereinsauflösungen und Zuschauerrückgang. Und es ist der größte Beweis dafür, das wir nicht mehr sind, als n Bankautomat. Die „Fans“ interessieren Herrn Watzke und viele andere nicht!! Leider

    Gefällt 1 Person

  3. Ob es der Kreisliga Zuschauer kostet oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber was mich an der ganzen Aussage nervt, es geht doch nur darum ein Argument zu haben um noch mehr Kohle zu verdienen und noch mehr Geld in die Profiklubs zu stecken. Es nervt. Soll er doch die Eintrittspreise bei seiner Borussia noch weiter anheben… Das gibt es genug Kunden die sich melken lassen…

    Und in der Landes-, Verbands-, Ober- und Regionalliga nimmt der Sonntagsspieltag der Bundesliga sehr wohl Zuschauer weg. Am besten wäre, es gäbe in der Bundesliga überhaupt keine Sonntagspiele mehr!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s