Die Sage vom Wappenküssen

Karriereende mit 29 Jahren. Das klingt erstmal nach einer von Verletzungen beendeten Laufbahn. So aber nicht bei Marcell Jansen. Er gab nun dieser Tage bekannt, dass er mit sofortiger Wirkung seine Schuhe an den Nagel hängen wird und sich aus dem Profigeschäft zurückzieht. Sein Vertrag beim HSV war ausgelaufen und er hätte sich um einen neuen Club bemühen müssen. Davon sah er allerdings nun ab und nahm die nächste Ausfahrt.

Wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, hatte er zumindest konkretere Anfragen von Benfica Lissabon und dem FC Everton vorliegen. Keine ganz schlechten Adressen im Fussball. Und auch sicherlich keine schlecht zahlenden Adressen. Doch Jansen entschied sich dafür nicht weiterzumachen mit der Begründung, dass er „die letzten Jahre sehr emotional mit Hamburg verbunden war“ und nun nicht „plötzlich ein anderes Wappen küssen wolle. Die vielen Fussballromantiker unter uns haben ob dieser, wie Musik in ihren Ohren klingenden Worte, natürlich reihenweise Tränen der Rührung in den Augen. Zugegeben, auf den ersten Blick hört sich Jansens Aussage auch sehr heldenhaft an. Der eingefleischte Hamburger kann es mit seinem rautenförmigen Herzen und dem hanseatischen Blut in den Adern nicht vereinen ein anderes Wappen, als das des HSV, mit seinen Lippen zu liebkosen.

Doch etwas nüchterner betrachtet klingt das alles nach etwas zu viel Pathos und etwas zu wenig Selbstreflexion. Jansen selber sagte, dass er neben dem HSV „natürlich auch Gladbach lieben wird, ganz klar“. Die Stadt am Niederrhein ist schließlich seine Heimat. Neben seinen zwei von drei Stationen im Profifussball (den FC Bayern hat er bei seiner Aufzählung wohl bewusst ausgelassen) zu denen er große Gefühle entwickelt hat, kann er es also nicht mit sich vereinen noch bei einem weiteren Verein das Wappen zu küssen.

Bei aller Liebe, Marcell. Muss denn unbedingt die ganz große Emotionskeule ausgepackt werden? Kann man nicht eine Situation einfach sachlich einschätzen, ohne dabei immer die großen Gefühle der Fans mit in das Boot zu holen?

Es ist selbstverständlich aller Ehren wert, dass Jansen mit dieser Begründung von der großen Fussballbühne geht. Die nüchternen Fakten aber hinterlassen einen leichten Beigeschmack.
Denn, sind wir mal ehrlich, kein noch so fanatischer HSV-Fan hätte es ihm nach den Jahren, in denen er sich immer loyal zum Verein verhalten hat, übel genommen, wenn er nach seiner Hamburger Zeit noch ein paar Jahre woanders gekickt hätte. Man kann ja schließlich auch vollen Einsatz für einen Verein zeigen ohne dabei sein Herz zu verschenken und das Wappen zu küssen. Das ist keineswegs eine Söldner-Attitüde, sondern offen, ehrlich und heutzutage im monetär betimmten Sport auch nötig. Die emotionale Ebene ist eben auch immer von großer Irrationalität geprägt.

Von daher wäre es wünschenswert in Zukunft weniger Wappenküsse zu sehen, als viel mehr professionelle Einstellung und Ehrlichkeit im Umgang mit Fans und Verein. Kein Vorwurf an Jansen, aber etwas weniger Pathos schadet nicht!

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3 Kommentare zu “Die Sage vom Wappenküssen”

  1. Ja, die Begründung ist wirklich sehr komisch. Kein Bock umzuziehen, tolles Geschäftsmodell in der Tasche, keine Lust mehr die Knochen hinzuhalten – hätte ich alles verstanden, Aber das mit dem Wappen? Nee, du. (Außer die „zahlreichen und finanziell lukrativen Angebote“ kamen alle von Werder Bremen oder St. Pauli.)

    Zumal die beiden genannten Vereine Benfica und Everton sicher eine nette Adresse gewesen wären, die mancher Bundesliga-Kicker auf Jansens Niveau liebend gerne angenommen hätte. Aber gut, muss er selber wissen. Grundsätzlich ringt mir so eine Entscheidung – unabhängig von der Begründung – Respekt ab. Es wäre sicher leichter gewesen noch drei bis fünf Jahre zu spielen und das Konto noch etwas praller zu füllen. Aber gut, wenn jemand weiß, was er will.

    Grüße

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