Olmütz – Das jüngste Gericht

Mit nicht weniger als dem Ziel das Turnier zu gewinnen ist die U21-Truppe von Horst Hrubesch in Tschechien angetreten. Mit leeren Händen und reichlich offenen Fragen kommen sie nun wieder nach Hause. „Wie konnte das passieren?“ ist die Brennendste. In jedem Fall aber haben die Spieler nicht das abgeliefert, was sie selber erwartet haben und dafür müssen Erklärungen her.

Der Kader brachte eigentlich alles mit, was man als Titelfavorit in einem U-Turnier braucht. Nämlich Spieler mit reichlich Profierfahrung. Und davon standen Hrubesch mehr als genug zur Verfügung. 15 Spieler aus dem Kader waren in der abgelaufenen Saison Stammspieler in Erstligaclubs, 6 davon sogar mit Europapokalerfahrung. Hinzu kommt mit Ginter sogar ein waschechter Weltmeister. Nach Transfermarkt.de kommt der Kader auf einen addierten fiktiven Marktwert von 164,50 Millionen Euro. Nur mal zum Vergleich: Damit liegt der Kader nur knapp unter dem Wert von Bayer Leverkusen (172,60 Mio.) und gleichzeitig auf Rang 6 des Marktwertrankings der Bundesliga. Man kann also fast schon von einem Kader auf durchschnittlichem Champions-League-Niveau sprechen.

Die Erwartungen waren unter diesen Vorzeichen also zurecht hoch und der Titel war ein folgerichtiges Ziel. Doch hohe Marktwerte und viel Erfahrung reichen allein nicht für einen Titel. Die Mannschaft startete mit einem durchschnittlichen 1:1 gegen Serbien ins Turnier. Hier offenbarte man vor allem große Abstimmungsprobleme in der Defensive und hätte nach dem 1:0 der Serben auch noch höher hinten liegen können. Emre Can konnte dann mit einer Einzelleistung zumindest das Remis retten. Das zweite Gruppenspiel gegen Dänemark war das einzig überzeugende bei dieser EM. Hier stimmte der Mix aus individueller Klasse und Mannschaftsgefüge und so wurden die Dänen klipp und klar mit 3:0 abgefertigt. Dieses Spiel zeigte, was möglich ist, wenn die geballte individuelle Klasse eben auch an einem Strang zieht. Bereits im darauffolgenden, abschließenden Gruppenspiel gegen den Gastgeber Tschechien war es aber wieder vorbei mit der Herrlichkeit. Fahrig und unkonzentriert wirkte man gegen die mutig aufspielenden Tschechen. Dass es noch zu einem 1:1 reichte, war am Ende eher dem Glück zuzuschreiben, als dem Können. Das Halbfinal-Desaster gegen Portugal war dann quasi die Folge einer holprigen Gruppenphase. Die zugegebenermaßen starke Truppe der Portugiesen offenbarte alle Schwächen in größtmöglicher Brutalität und fertigte das DFB-Team schamlos mit 0:5 ab.

Das Hauptproblem lag vor allem darin, dass keine klare Struktur in der Mannschaft erkennbar war. Kapitän Kevin Volland zeigte sich vor allem in Interviews durchaus eloquent und der Rolle gewachsen. Auf dem Platz jedoch schaffte er es nicht seine Kameraden einheitlich mitzuziehen. Sein eigener Einsatz stimmte zumindest. Emre Can war bereits in anderen U-Teams des DFB Kapitän und kennt die Führungsrolle. Doch er konzentrierte sich hauptsächlich auf sein eigenes Ego, hielt sich nach eigener Aussage „für den Größten“. Zumindest gestand er sich dies nach dem Turnier ein und wolle „nun erstmal wieder auf den Boden kommen“. Indiz für diese unsägliche Arroganz ist diese Szene:

Can beleidigt hier offenbar auf Türkisch wild um sich. Von außen brüllt jemand von der Bank: „Halt’s Maul, Emre“. Ist in der Berichterstattung untergegangen, zeigt aber gut, dass Can vom Kopf her noch nicht so weit ist Führungsrollen zu übernehmen. Undiszipliniert ist es obendrein.
Der Schalker Max Meyer erwischte das ganze Turnier über nicht einen guten Tag und bleib meilenweit hinter seinen riesigen Möglichkeiten. Moritz Leitner merkte man die Verunsicherung nach der verkorksten Saison und zwischenzeitlicher Degradierung in die Reserve an. War er in vielen Quali-Spielen noch ein wichtiger und geschätzter Faktor von Hrubesch, gelang ihm in Tschechien überhaupt nichts. Folgerichtig verlor er im Laufe des Turniers seinen Platz an Joshua Kimmich, der sich sehr bemüht zeigte. Der auserkorene Abwehrchef und Weltmeister Matthias Ginter brachte zumindest weitestgehend solide Leistungen. In den entscheidenden Problem fehlte ihm aber auch die Abstimmung mit seinen Nebenleuten. Eine sichere Bank sieht anders aus. Die ärmste Sau dürfte wohl Champions-League-Sieger Marc-André ter Stegen gewesen sein. Er hielt die Haltbaren und wurde beim Großteil der Gegentore einfach im Stich gelassen.

Die Probleme waren also zahlreich von Offensive bis Defensive. Viele waren mehr mit sich selbst beschäftigt, als mit der Mannschaft. Ob das nun ein Produkt der vielen Loblieder und hohen Erwartungen im Vorfeld ist, scheint möglich. Ein generelles Einstellungsproblem kann man nach einem Turnier sicherlich niemandem unterstellen. So sollte man das Turnier als Verurteilung auf Bewährung betrachten. Denn alle, die später einmal im A-Kader der Nationalelf auftauchen wollen, werden mit dieser Einstellung nicht weit kommen.

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2 Kommentare zu “Olmütz – Das jüngste Gericht”

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