Der Wahnsinn von der Weser

Sonntagsspiele haben gemeinhin mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass sie langweilig seien. Das mag vielleicht ein subjektiver Eindruck meinerseits sein, kann auch statistisch von mir nicht belegt werden, aber das Highlight eines jeden Spieltags ist und bleibt die Samstagskonferenz. Bundesliga, Samstagnachmittag, halb Vier. Das fühlt und hört sich richtig an. „Arsch auf Eimer“, wie man im Ruhrpott auch sagt. Doch der Pott hatte sein Spektakel bereits am Samstag.

Heute traf der Fussballnorden sich zum entfernten Halbcousin des wahren Nordderbys: Bremen gegen Wolfsburg. Auch wenn das Spiel tabellarisch und formkurvenmäßig bereits im Vorfeld mit Spannung hätte erwartet werden können, versprüht dieses Derby im weitesten Sinne weitaus weniger Funken der Fussballwonne. Unberechenbares Werder trifft auf europapokalmüde Wölfe. Man denke sich ein gleichgültiges Schulterzucken.

Doch was sich dann an diesem späten Sonntagnachmittag an der Weser abspielte, hätte selbst der kühnste Optimist nicht für möglich gehalten. Eins dieser Spiele der Marke „Dafür gucke ich Fussball“. Für dieses Spiel nimmt man Dutzende einschläfernde Sonntagsspiele in Kauf. Nur um ein einziges Mal richtig aus den Socken gefeuert zu werden.

Die erste Hälfte begann mit einem Schießbudenfestival nach dem Motto „Wer will nochmal? Wer hat noch nicht?“. Innerhalb von 19 Minuten klingelte es bereits fünf Mal, drei Mal im Kasten vom VfL und zwei Mal in dem vom SVW. So sah sich Werder nach diesem ersten Schlagabtausch der brutalsten Art obenauf. Wer vorher noch keinen Ohrwurm von „500 Miles“ hatte, der wird die Nummer nach diesen 19 Minuten die nächsten Wochen als Tinnitus im Ohr haben. Fragt mal Marshall Eriksen wie sich das anfühlt.

Doch wer dachte, dass sich die Sache nach dieser ersten Hälfte für Skripniks Spektakel-Werder ausgeht, wurde nach Wiederanpfiff innerhalb von fünf Minuten von der Realität unangespitzt in den Boden der Tatsachen gerammt. Irgendwo in einem Hamburger Tonstudio saß wohl Rapper Das Bo und hatte in der Halbzeit eine Idee. Bas, Bas, wir brauchen Bas. Kein Problem für den Mann, der seit Wochen on fire ist. In England singen sie gerne „He scores when he wants“ für besonders erfolgreiche Torjäger. Selten passte es so, wie für die holländische Torbestie. 3:3 und 3:4 selbst gemacht, 3:5 aufgelegt. Who you gonna call? Dostbuster!

Und damit war der Wahnsinn von der Weser komplett. Auch wenn die Weser danach nicht noch ein Wunder parat hatte. Werder schafft keine Comeback mehr und so zerbrach man an der eigenen Unerfahrenheit, sowie Unkonzentriertheit, die das als Spitzenteam etablierte Wolfsburg eiskalt ausnutzte. Nichtsdestotrotz geht der Dank an beide Teams für dieses Spektakel. Thomas Schaaf hatte mit Sicherheit seine helle Freude daran und sitzt noch jetzt mit einer Träne im Auge in Frankfurt und murmelt „Das ist mein Werder“ in den Schnurrbart. Und ich werde demnächst jedes Sonntagsspiel vorurteilslos auf mich zukommen lassen. Wahrscheinlich.

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