#11 – Homophobie im Fußball – Alltag in der Kreisliga

Im Zuge der Themenwoche „Homophobie & Fußball“ beschäftigen wir uns ebenfalls mit diesem kontroversen und schwierigen Thema.

Fußball und Homosexualität, das sind keine Gegensätze. So zumindest die offiziellen Verlautbarungen von Funktionären und Vertretern des Profifussballbereiches. Es müsse mehr Mutige geben wie Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere geoutet hat. Er sei ein Vorbild und man hoffe, dass es ihm viele nachmachen. Ja, das ist lobenswert und erstrebenswert, aber nicht realistisch.

Der Fußball sieht sich selbst als „Männersport“. Und da Homosexuelle mit dem Vorurteil zu kämpfen haben, weiblicher zu sein als ihre Mitstreiter, haben sie keinen Platz in diesem patriarchalischen Mikrokosmos. Wir schreiben jetzt allerdings nicht über die Parallelwelt der Bundesligaprofis und setzen uns mit Spielerfrauen aus Agenturen auseinander, sondern gehen dahin, wo die Bekundungen der Funktionäre nicht mehr sind, als leere Worthülsen. Wir gehen mal wieder an die Basis.

Die Kreisliga ist eigentlich ungewollt ein Spiegel der Gesellschaft, denn dort sind alle Schichten Selbiger vertreten. Von Arbeitslosen über Studenten, Büroangestellte, Handwerker, Akademiker und Beamte: Sie alle stehen regelmäßig zusammen auf dem Platz und kicken miteinander. Das heißt, im Nachfolgenden geht es nicht um Sozialschwache, sondern Menschen „wie du und ich“. In diesem Fall beziehen wir uns ausschließlich auf die Herren-Mannschaften.

Die Wahrheit ist: Homophobie ist in vielen Vereinen in den unteren Ligen weniger ein Problem, sondern eher Normalität. „Schwul“ ist keine Bezeichnung für eine sexuelle Ausrichtung, sondern eine Beleidigung, beziehungsweise ein Synonym für „scheisse“ oder vorallem für „unmännlich“ (abgeschwächt). Wenn zum Beispiel jemand einen „schwulen Pass“ spielt, sich mit „Was war das denn Du Homo?“ beschwert, oder bei Strafraumsituationen mit viel Körperkontakt „Bist du schwul oder was?“ brüllt. Es ist analog zum Alltagsrassismus zu betrachten. Alltagshomophobie. Sprüche, die nicht gezielt Homosexuelle diffamieren, aber in ihrer Grundlage homophob sind und implizieren, es sei was Schlechtes, Schlimmes oder Falsches, schwul zu sein. Dabei ist der Umgang miteinander durchaus widersprüchlich. Griffe an nackte Körperteile und Schläge aufs Gesäß sind selbstverständlich, unverbindlich und gelten als Zeichen von Kameradschaft und Zusammenhalt. Diese Unverbindlichkeit entfällt, wenn derjenige offen und offiziell homosexuell ist. Denn die Unsicherheit, mit der Situation umzugehen führt zu Misstrauen, Ablehnung und Aggression. Je nachdem welches Ansehen der Spieler in der Mannschaft hat, wird er mehr oder weniger psychisches und physisches Mobbing erfahren. Bei Sprüchen mit homosexuell-sexistischem Hintergrund gibt es fantasietechnisch keine Grenzen. Wir verzichten aus Jugendschutzgründen auf Beispiele.

Wie kann man das ändern? Kann man das überhaupt ändern?

Wir sind der Meinung: Jein. Grundsätzlich ja, aber nicht in absehbarer Zeit.

Es braucht sehr sehr viel Zeit und noch mehr Aufklärung, um diese Angst und Ablehnung vor bzw. von Homosexuellen aus den Köpfen der Männer und Jungen zu bekommen. Zudem braucht es mutige Spieler, die bereit sind, ein komplettes soziales Umfeld zu verlieren, für den Fall, nicht akzeptiert zu werden. Spieler, die bereit sind, sich psychischem und physischem Mobbing auszusetzen. Auf keinen Fall wollen wir uns anmaßen, über jeden Verein und jede Mannschaft Bescheid zu wissen. Es ist mehr eine Einschätzung der Lage auf den Plätzen und in den Kabinen. Viele, die man fragt, werden erstmal antworten, dass sie kein Problem mit Schwulen haben. Wenn es aber um die eigene Mannschaft geht und mit ihnen zusammen zu duschen, das geht dann doch wieder zu weit.

Wenn Profis sich outen, ist das ein guter Anfang. Wenn nicht nur ein Thomas Hitzlsperger sich outet, sondern auch aktive Profis, die eventuell noch über jeden Zweifel erhaben sind. Je mehr, desto besser. Werden homosexuelle Fußballprofis zur Normalität, so wird es leichter, diese auch im Amateurbereich zu akzeptieren.

Bis dahin wird noch sehr viel Zeit vergehen und es ist noch viel Arbeit nötig. Die Verbände und Vereine konzentrieren sich momentan auf das Thema Rassismus. Wenn man bedenkt, wie lange man schon dagegen kämpft und es immer noch nicht aus den Köpfen der Menschen ist, dann hat man eine ungefähre Ahnung davon, wie lange es dauern wird, bis Homosexualität im Fußball selbstverständlich wird.

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4 Kommentare zu “#11 – Homophobie im Fußball – Alltag in der Kreisliga”

    1. Das ist ja oft so. Feministen setzen sich für Sachen ein denen Frauen egal sind, ein schwarzer Freund von mir findet sogar das N-Wort nicht schlimm weil es ja von „schwarz“ stammt und daher nicht negativ für ihn ist, außer jemand setzt es gezielt ein. Dennoch ist es leider so, dass Schwule GEZIELT damit beleidigt werden. Kenne aber selber Schwule die sagen „Wie schwul war das denn?“, einfach weil man nicht damit meint „Wie homosexuell bist du denn?!“, auch wenn es den Bezug davon hat … DAS wäre ja nicht das Problem, aber eben das gezielte beleidigen

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      1. Einfache und längst soziologisch/sozialpsychologisch elaborierte Erklärung für das von dir Geschilderte: Die Identifikation mit dem Aggressor bzw. die eigene internalisierte Homophobie und heteronormative Prägung, von Kindesbeinen an (bzw. im Falle von Rassismus eben der internalisierte Rassismus), der selbstverständlich eine große Zahl von Schwulen ebenso betrifft wie Heterosexuelle. Wir alle haben die Hetero-Norm verinnerlicht (nur wenige stellen sie tatsächlich mit einem fundierteren historisch-politischen Verständnis so in Frage, wie sie es eigentlich nötig und verdient hätte), und bei vielen Homosexuellen bedeutet das Coming-out eben nicht automatisch, dass sie sich tatsächlich kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen, die Hetero-Norm und Homophobie ebenso wie die herrschende Geschlechterordnung überhaupt erst hervorgebracht haben. Damit bleibt das Coming-out dann auch bei den meisten Schwulen unvollständig, da eine tatsächliche Emanzipation diese Auseinandersetzung notwendigerweise erfordert.

        Wer möchte aber Gefahr laufen, immer als der schwule „Nörgler“ (oder die nörgelnde „Schwuchtel“?!) oder der böse Verfechter der „political correctness“ (ein inzwischen von den bürgerlichen Medien voll etablierter Kampfbegriff der Rechten, der jeden Kampf gegen institutionalisierten Alltagsrassismus, Alltagshomophobie usw. sabotieren soll) zusätzlich stigmatisiert zu werden und „Wettbewerbsnachteile“ zu erleiden? In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Leistungsdruck und Konkurrenz, die Sorge um den eigenen „Marktwert“, Abstiegs- und Existenzängste in der sich vertiefenden Krise des Kapitalismus mit einer sich immer extremer zuspitzenden sozialen Ungleichheit insgesamt massiv zunehmen?!

        Sehr viel wahrscheinlicher ist es da schon, dass die meisten Betroffenen das alles selbst „gar nicht so schlimm“ finden wollen. Und so sind es auch viele Schwule, die sich gegen die unter Jugendlichen so massiv wie nie um sich greifende Alltagshomophobie nicht zur Wehr setzen, die (auch) für diesen Kampf keine geeignete politische Organisation und Praxis entwickeln (die Anbiederungs- und Unterwerfungspraxis der letzten 20 bis 25 Jahre ist zentraler Teil des Problems), die Alltagssexismus z. B. in den Massenmedien und im Rahmen der herrschenden Geschäfts- und Marketingmodelle in keiner Weise bekämpfen (bzw. zur Sicherung eigener Privilegien und Karrierevorteile gar selbst daran partizipieren) eben diesen Alltag und diese Gewalt- und Unterdrückungsverhältnisse immer wieder reproduzieren und zementieren.

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  1. zum glück hab ich Soziologie studiert… viel sagen, wenig meinen. wie sagte der prof bereits im ersten Semester während der sozialstrukturanalyse: die aufgabe des Soziologen ist es einfache Sachverhalte möglichst kompliziert darzustellen, nur so erschaffen wir uns unsere eigenen Daseinsberechtigung.

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