Falscher Einwurf – Das Anti-Doping-Gesetz

Der Fußball bietet allerhand Gesprächsstoff. Doch auch außerhalb unserer Lieblingssportart gibt es Geschehnisse und Entscheidungen, die man diskutieren sollte. In der Kategorie „Falscher Einwurf“ schauen wir über den Rand des riesigen Tellers Fußball und beleuchten Themen, Neuigkeiten und Kurioses aus der Welt des Sports.

Im November diesen Jahres verkündete die Bundesregierung stolz, dass man einen Gesetzesentwurf entwickelt hat, mit dem das Doping in Deutschland nicht mehr allein durch die Sportverbände bzw Dopingagenturen sanktioniert wird, sondern auch strafrechtlich verfolgt werden kann.

Empfindliche Geld- und sogar Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren werden möglich gemacht. Noch ist es zwar nicht durch, aber spätestens im Sommer 2015 soll es laut Innenminister de Maizière in Kraft treten. Dopingsünder härter bestrafen und den Sport „sauberer“ machen ist ein Anliegen, welches durchaus ehrenwert ist. Doch das Gesetz stößt vor allem bei Leistungssportlern nicht nur auf Gegenliebe.

Gründe dafür sind unter anderem die jetzt schon sehr strengen Kontrollen der NADA, der nationalen Anti-Doping-Agentur.

Der Ulmer Basketballspieler Per Günther schilderte fast genau ein Jahr vor Erscheinen des Gesetzesentwurfs in einem Radiointerview, wie es sich aus seiner Sicht mit der NADA verhält. Ich nehme jetzt nur Auszüge, das ganze Interview findet ihr hier. Sehr lesenswert!

Vorab kurz eine Erläuterung, wie die NADA arbeitet:

Die NADA teilt Athleten in Risiko- oder Gefährdungsgruppen ein. Unter welche Risikogruppe eine Sportart fällt, hängt von vier Kriterien ab: Empirisches Risiko (Häufigkeit vergangener Fälle), Physiologisches Risiko (Körperliches Steigerungspotential), Mediales Risiko (Bekanntheit des Sports) und Finanzielles Risiko (mögliche Gewinne/Preisgelder/Gehälter) (Quelle: www.nada.de).

Zu bestimmten Stichtagen wird man durch die NADA kategorisiert und bleibt dort dann ein Jahr in Überwachung. Diese erfolgt 365 Tage im Jahr. Per Günther, zum Beispiel, ist als Profibasketballspieler in der Risikogruppe A, der höchsten Risikogruppe. Er muss einen Online-Kalender führen, in dem er für drei Monate im Voraus angibt, wo er sich an den Tagen befindet, mit Angabe der vollen Stunden von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Ist er nicht am eingetragenen Ort zur eingetragenen Zeit, erhält er einen sogenannten „Strike“ – bei drei Strikes wird man ein bis zwei Jahre gesperrt. Die Mitarbeiter der NADA erscheinen immer unangekündigt. Man muss sich vor ihnen ausziehen und in einen Becher pinkeln, sodass auch bei der Urinabgabe nicht geschummelt werden kann.

Das System lebt also von einer nahezu Rundum-Überwachung ohne Rücksicht auf Privatsphäre oder Persönlichkeitsrechte.

Geprüft wird auf verbotene Stoffe im Urin oder Blut. Dafür gibt es eine international gültige Liste von Stoffen, die nicht nachgewiesen werden dürfen, da sie als leistungssteigernd gelten. Gängige Mittel auf der Verbotsliste: Anabole, Steroide, oder Drogen wie Kokain, Alkohol und Marihuana. Aber auch Stoffe, die in für uns alltäglichen Medikamenten enthalten sind, wie zum Beispiel Ephedrin (in Mitteln gegen grippale Infekte). Auch für uns völlig alltägliche Produkte enthalten also Stoffe, die im Blut nachgewiesen werden können und als Dopingmittel gelten. Bevor jetzt irgendeiner vor dem nächsten Kreisligaspiel eine Tube Zahnpasta in sich reindrückt: Im Fall Baumann wurden ihm anabole Steroide in die Zahnpasta gemischt. Zähneputzen ist zwar gut für die Mundhygiene, aber grundsätzlich nicht leistungssteigernd.

Für Sportler bedeutet dieses System eine zusätzliche psychische Belastung.

Abgesehen von der grundsätzlichen Überwachung muss man im Endeffekt jeden Tag zu jeder Stunde mit einem unangekündigten Besuch rechnen. So beschreibt Günther: „Der Homie klingelt heute morgen um 06:25 Uhr an meiner Tür, Montagsmorgens, nachdem ich Samstag in Bayreuth gespielt hab, stundenlang nach Hause gefahren, Sonntagnachts irgendwann um drei Uhr bist du zu Hause, schläfst um fünf; Sonntag machst du Videoanalysentraining, dies, das, und liegst du einmal im Bett, klingeln die dich wieder raus.“ Also auch Unterbrechung der Regeneration. All das sind Sportler bereit zu akzeptieren und zu unterschreiben, damit sie ihren Sport ausüben können und hinarbeiten können auf ihren Traum vom Erfolg.

Im Jahr 2013, so geht es aus dem Jahresbericht der NADA hervor, wurden 8.106 Trainingskontrollen und 5.311 Wettkampfkontrollen quer durch alle Sportarten durchgeführt. Bei diesen insgesamt 13.417 Kontrollen gab es 79 mögliche Verstöße. 53 davon aufgrund von verbotenen Substanzen. Davon werden nochmals 16 abgezogen, da diese aufgrund einer Medizinischen Ausnahmegenehmigung die Substanz einnehmen mussten/durften. Außerdem werden vier weitere Fälle an andere Doping-Agenturen, aufgrund fehlender nationaler Zuständigkeit. Im Klartext: Bei 13.417 Kontrollen hat man 33 Dopingsünder entdeckt. Das sind, ich habe es extra für euch ausgerechnet: 0,25% (auf die zweite Stelle aufgerundet).

Also entweder wird in Deutschland fast gar nicht gedopt, sehr sehr gut gedopt, oder hier sind vereinzelt Summen über den Tisch gegangen, um solche Fälle zu verschleiern.

Damit sind wir auch schon beim nächsten Thema: Bisher sind die Verbände dafür verantwortlich, wie Sportler bei Verstoß bestraft werden. Dass dieses System international nur begrenzt funktioniert, zeigt der Fall Russland. Die am 3. Dezember 2014 ausgestrahlte ARD-Reportage „Geheimsache Doping“ [Link] zeigt auf, welche Macht nationale Verbände haben, wenn es um Doping geht. Auch hier die Kurzfassung. Unter anderem folgender Fall: Die erfolgreiche Marathonläuferin Lilija Schobuchowa zahlte an russische Funktionäre umgerechnet insgesamt 450.000 Euro in bar. Dafür, dass sie trotz auffälliger Werte im Blutpass bei Olympia 2012 starten durfte. Der Präsident des russischen Leichtathletikverbandes, Valentin Balachnitschew, gleichzeitig Schatzmeister des Weltverbandes IAAF, spielte dabei augenscheinlich eine tragende Rolle. Zumindest lässt das ein dem ARD vorliegender Emailverkehr vermuten. Nachdem Schobuchowa 2013 dennoch rückwirkend gesperrt wurde, zahlte eine Briefkastenfirma in Shanghai ihr den Betrag von 300.000 Euro zurück. Diese lässt aufgrund einer Bestätigungs-Email Rückschlüsse auf Balachnitschew zu. An diesem systematischen Vertuschen von Dopingfällen sind darüberhinaus laut der Reportage auch der Cheftrainer der Leichtathleten, Alexej Melnikow, sowie der Leiter des Dopinglabors Gregori Rodschenkow beteiligt.

Dieser Fall belegt im Endeffekt, dass das Streben nach einem sauberen Sport so lange nicht realistisch ist, wie Menschen bereit sind, hohe Summe für kurzfristigen Erfolg aufzuwenden. Auf Funktionärsseite und auf Sportlerseite.

Das Anti-Doping-Gesetz der Bundesregierung ist in solchen Fällen machtlos. Denn man kann nur diejenigen bestrafen, die man erwischt. Sorgt der Verband dafür, dass es keine Dopingfälle gibt, so erwischt man im Endeffekt nur die „kleinen Fische“, diejenigen, die es unbedarft einnehmen und es später bereuen. Das systematische Doping wird dadurch kaum begrenzt. Lobenswert ist der Part, in dem auch die Hintermänner, also Ärzte und Versorger belangt werden können. Aber auch nur dann, wenn sie erwischt werden.

Es gibt natürlich auch positive Aspekte des Anti-Doping-Gesetzes. Claudia Pechstein spricht sich in einem Interview mit der dpa positiv für das Gesetz aus. Sie wurde wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre vom Verband gesperrt. Mit der jetzigen Regelung ist es so, dass eine Sperre durch den Verband ohne Möglichkeit auf Widerspruch bindend ist. Pechstein befindet sich momentan in einem Rechtsstreit, da sie die Gründe für die Sperre anzweifelt. Es geht um Schadenersatz für diese zwei Jahre. Bisher wartet sie noch darauf, dass ihre Klage zugelassen wird.

Sie pocht bei dem Entwurf auf eine Änderung des Paragrafen 11, der besagt, dass ausschließlich die Sportgerichte zuständig sind. „Wenn mein Fall vor einem ordentlichen Gericht verhandelt worden wäre, wäre ich niemals verurteilt worden. Denn dort zählen Beweise und keine Spekulationen. Daher begrüße ich ein solches Gesetz auf jeden Fall“, sagt sie in dem Interview. Ihrer Ansicht nach ist allerdings die Festlegung auf die Sportgerichtsbarkeit nicht vereinbar mit dem Grundgesetz. Dort hat jeder Bundesbürger das Recht, vor einem ordentlichen Gericht um sein Recht zu kämpfen.

Fazit:

Mit dem neuen Anti-Doping-Gesetz schafft man eine mehr oder weniger wirksame Abschreckung für Dopingsünder, gleichzeitig ermöglicht man den Sportlern eine zumindest auf dem Papier fairere Chance, sich gegen eine Sperre zu wehren.

Inwieweit es den Sport sauberer macht, inwieweit es Doping national verhindert, dass bleibt zumindest in meinen Augen zweifelhaft. Ich sehe aufgrund der Zahlen keine hinreichende Notwendigkeit und auch keine Verhältnismäßigkeit, was die Zeit und Arbeit angeht, die in dieses Projekt gesteckt wird.

Für den Sportler ist es in der Hinsicht positiv, dass das Gesetz eventuell eine neutrale Gerichtsbarkeit ermöglicht, inklusive Widerspruch/Revision. Was mich noch interessieren würde ist: Wie viel Gewicht hat ein solches Urteil international? Im Falle Dieter Baumann wurde er damals vom nationalen Verband vom Vorwurf des Dopings freigesprochen. Die IAAF erkannte diese Entscheidung nicht an, sperrte ihn und annullierte seine Titel. Welche Macht hat dann noch die IAAF, wenn ein staatliches Gericht entschieden hat?

Bis zum Sommer wird sicher noch der ein oder andere Paragraf geändert. Man darf gespannt sein, was am Ende dabei herum kommt und ob es ein Kompromiss ist, der eine faire Lösung auf Verbands- und Sportlerseite ermöglicht.

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