#09 – Typen an der Pfeife

In dieser Serie stehen die abertausenden Amateurkicker im Mittelpunkt. Wir erklären die Faszination Kreisliga und warum es sich immer wieder lohnt die Knochen für den Verein hinzuhalten. An jedem verdammten Sonntag.
Da kein Spiel ohne unsere bestenfalls unparteiischen Freunde in schwarz stattfinden kann, widmen wir ihnen den nächsten Teil unserer Serie: den Schiedsrichtern. Dass man es dabei mit den unterschiedlichsten Typen zu tun hat, weiß jeder, der selber kickt. Wir haben mal die gängigsten Typen zusammengefasst, die jeden Sonntag auf den Plätzen der Republik ihr Unwesen treiben.

Der Beamte

Bei ihm muss alles seine Richtigkeit haben. Nichts wird dem Zufall überlassen, erst recht wird niemand an der langen Leine gelassen. Vor dem Spiel wird selbstverständlich Name, Alter, Augenfarbe und Taufpaten abgefragt. Spielerbilder werden penibel mit dem aktuellen Erscheinungsbild verglichen. Bei Abweichungen wird gerne auf eine Aktualisierung des Bildes hingewiesen. Daraus resultierende Strafe wird mit Paragraph und Seitenzahl der DFB-Fibel benannt. Er ist auch einer derjenigen, die nie müde werden zu betonen, dass das Trikot im Spiel in die Hose gehört. Am besten bis unter den Hals, so wie er sein Trikot auch trägt.

Der Silberrücken

Er kommt aus einer Zeit, in der man noch regelmäßig „Schiedsrichter, Telefon!“ sonntags auf den Plätzen hörte. Ihn zeichnet vor allem seine schier unerschöpfliche Erfahrung aus, auf die er ausschließlich zurückgreift. Er hat nach eigener Aussage bereits „über 1000 Spiele gepfiffen, früher sogar mal höher“. Wie viel höher bleibt dabei sein Geheimnis. Vielleicht meint er auch nur auf höherem Gras. Schwer zu sagen, denn genauso schwer ist er auch von Begriff. Sein Alter macht ihm zunehmend zu schaffen, das merken alle, außer er. So trifft er mit der ganzen Inbrunst seines Erfahrungsschatzes absurde Entscheidungen, die Spieler und Zuschauer betroffen zurücklassen. Beratungsresistent gibt er diese Fehler aber nicht im geringsten zu. Das sei schließlich „schon immer so gewesen“. Einer mit dessen absolut nicht veränderungswilligen Attitüde wir heute noch mit Kutschen fahren und Schwerter schmieden würden.

Der Kreisläufer

Nein, hier sind nicht die Titscher vom Handball gemeint. Der Kreisläufer unter den Schiedsrichtern ist vielmehr berühmt und berüchtigt für seine Eigenschaft äußerst lauffaul zu sein. Der übergewichtige Mittvierziger auf der Liberoposition wirkt wie ein kenianischer Langstreckenläufer gegen ihn. Er entscheidet ausnahmslos alle Situationen aus seinem Bewegungsfeld heraus, das sich drei, vier Meter um den Mittelkreis herum befindet. Dass man dann bei vielen Entscheidungen auch würfeln könnte für wen gepfiffen wird, stört ihn genauso wenig, wie die Frage „wie er das von DA aus sehen will“.

Der Drill Sergeant

Vom Aussehen her muss man bei ihm sofort an Peter Gagelmann denken. Millimetergenauer Militärhaarschnitt, stämmiger Körper und breite Brust. Bei ihm gilt die Regel: Der Lauteste hat Recht. Und das ist er. Immer. Belehrungen bleiben bei ihm nicht aus. Wenn jemand etwas falsch macht, dann soll er das auch merken. Zucht und Ordnung stehen an erster Stelle. Todsünde: Dem Schiedsrichter widersprechen. Das führt zu Karten und grenzenloser Verachtung seitens des Drill Sergeants. Seine Sprache ist ebenso rustikal, wie direkt. Funfact: Mit regionstypischen Akzent ist dieser Typ eine echte Attraktion.

Der Spritti

Sprit im eigentlichen Sinne braucht er nicht, denn sein Führerschein befindet sich wegen wiederholtem Alkoholismus am Steuer seit Ende der 90er Jahre in Gewahrsam der Polizei. Er reist zu den Spielen grundsätzlich mit Bus und Bahn an, ist sich aber auch nicht zu fein bei Spielern aus der Gegend nach dem Spiel nach einer Mitfahrgelegenheit zu fragen. Im jeweiligen Kreis ist er bekannt, wie ein bunter Hund. Noch bekannter ist er nur an den Theken aller Kneipen in seiner Umgebung, aus denen er nicht selten direkt zum Spiel kommt. Aus seiner Leidenschaft für den bösen Geist des Alkohols macht er nicht wirklich einen Hehl. Wenn vor dem Spiel noch ein Underberg aufgemacht wird, dann ist das „wegen dem Magen“. Außerdem wärmt der von innen, im Winter ganz wichtig.
Seine Entscheidungen auf dem Platz sind daher auch etwas konfus. Belehrungen helfen nichts, er hat sie in kürzester Zeit eh wieder vergessen. Bei der Platzwahl vor dem Anstoß braucht man eigentlich nur einmal einatmen um zu wissen, dass man es mit diesem Typ zu tun hat.

Der Ersatz

Der vielleicht meistgehasste Schiedsrichtertyp. Einfach aus dem Grund, weil er keiner ist. Besonders in den ganz tiefen Ligen kommt es leider häufig vor, dass angesetzte Spielleiter nicht erscheinen. Um dann überhaupt spielen zu können, muss ein Verantwortlicher von einem der Teams einspringen. Und der ist dann natürlich weder kompetent, noch neutral. Führt meist zu Ärger, oft gehörter Satz: „Ich bin ja auch kein Schiedsrichter“. In Ermangelung von echtem Schiriequipment wird dann oft improvisiert. Trillerpfeifen aus der Kellogs-Packung oder auch Personalausweis und Führerschein als Kartenersatz.

Der Jüngling

Der Jüngling hat ein großes Problem: die Autorität. Seine Kompetenz ist unter den ganzen Typen sicher mit die Höchste. Er kann diese aber nur selten anbringen, da ihm schlicht keiner zuhört. Oft ist er jünger, als einige der Spieler auf dem Feld, die in ihm eine Witzfigur sehen. Dazu trägt sein Äußeres natürlich bei. Schmale Schultern, Brille und uncoole Frisur gehören zu seinem emotionalen Rucksack. Doch trotz häufiger Anfeindungen bleibt der Jüngling bei seiner Leidenschaft und steht immer wieder sonntags auf dem Platz. So lange, bis ihm endlich jemand zuhört.

Der Kommentator

Er hört sich am liebsten selbst sprechen. Daher fällt er meistens damit auf, dass er jede seiner Entscheidungen kommentiert. „Weißte selbst“, „da gibts keine Diskussion“, „vorhin hab ich noch ein Auge zugedrückt“. Das sprachliche Repertoire ist immer griffbereit. Fussballerische Kuriositäten werden aber ebenso kommentiert. Gerne auch mal mit einem Lachen oder Abwinken, die einige Zweifel der Neutralität zurücklassen. Grundsätzlich gilt aber: Sprache vor Karte. Wenn man hier als Spieler clever agiert, nutzt man sein Faible aus und verschafft sich mit Smalltalk vor und während des Spiels einen emotionalem Bonus bei ihm.

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