Sonntags elf Uhr in Deutschland: Wonti macht Schluss

Am Ende dieser Saison wird eine lange und prägende Ära zu Ende gehen. Der Doppelpass wird dann den langjährigen Moderator Jörg Wontorra in den verdienten Ruhestand schicken. Oder umgekehrt. Grund genug für einen etwas verfrühten Nachruf:

Für jede Menge Fussballfans in Deutschland ist es ein seit Jahren etabliertes und geliebtes Ritual: Der Doppelpass am Sonntagmorgen. Die Stimme von „Wonti“, wie er liebevoll von seiner Fanbase genannt wird, bedeutet dabei für viele ein wenig „Home-sweet-home-Gefühl“. Wie dieses Ritual zelebriert oder erlebt wird, das ist durchaus unterschiedlich. Im Prinzip gibt es drei verschiedene Typen: Für die einen ist der Doppelpass die akustische Untermalung beim Katerfrühstück am Sonntagvormittag. Die anderen treffen sich bereits vormittags zum Frühshoppen und gemeinsamen Doppelpass-Gucken mit anschließender eigener Diskussionsrunde. Die dritte Fraktion muss sonntags selber kicken und befindet sich zu der Zeit bereits am Platz. Arme Schweine.

Doch was macht den Doppelpass eigentlich aus und warum hält sich dieses Format im Gegensatz zu so vielen anderen bereits seit fast 20 Jahren in der TV-Landschaft?
Hauptsächlich aufgrund seiner Einfachheit. Das Konzept könnte simpler und realitätsnäher nicht sein: Eine Männerrunde diskutiert über das aktuelle Geschehen in der Bundesliga und am Ende gibt es Bier. Der einzige Unterschied zur Realität in der Kneipe um die Ecke ist wohl, dass es das Bier erst danach gibt. Und keinen Kurzen.

Ein prägendes Element ist aber natürlich der Moderator, der die illustre Runde etwas ordnen muss. Diesen Posten bekleidete Wontorra mit seinem urigen Eckkneipen-Humor jahrelang. Kernig wurde in jeder Werbepause schnell eine weggequarzt, bevor das nächste Thema angeschnitten wurde. Eben so, wie es Otto Normalfussballinteressierter auch tun würde. Sein Nachfolger dürfte dann Thomas Helmer werden, der bereits jetzt als Teilzeit-Moderator fungiert. Helmer ist vom Stil her kaum zu vergleichen. Natürlich ist er wesentlich jünger, dementsprechend ist seine Art deutlich anders. Als Ex-Profi plaudert er viel von früher. Früher ist bei ihm aber etwa 20 Jahre weniger lang her. Geschmackssache, was einem lieber ist. Der Generationswechsel zeigt sich aber auch auch in anderen Bereichen. Helmers Art ist einfach „glattgebügelter“. Die ganz unangenehmen Fragen kommen ihm nicht über die Lippen. Wontorra ist da durchaus lockerer und redet frei von der Leber weg. Auch hier natürlich Geschmackssache, wenngleich jede Diskussion ergiebiger ist, desto prekärere Antworten fallen.

Ergiebig war auch Wontorras Zusammenspiel mit seinem langjährigen Sidekick Udo Lattek. Die Trainerlegende bildete mit ihm bis 2011 ein legendäres Sprüche-Tandem. Dabei spielten sie sich die verbalen Bälle schöner zu, als jede brasilianische Straßenfussballertruppe an der Copacabana. Die Inspiration der alten studiVZ-Gruppe „Udo Lattek glüht härter für den Doppelpass vor, als du Party machst“ musste dann aus gesundheitlichen Gründen das Amt als Chefnörgler an der Seite von Wontorra niederlegen. Schade, denn keiner begründete einen Negativlauf einer Mannschaft so treffend mit dem mannschaftsinternen Problem: „Neid und Missgunst“. Immer. In jeder Mannschaft.

Aber wie es im Showbusiness so schön heißt, muss die Show eben weitergehen. Denn der Doppelpass ist längst eine Institution im fussballtechnischen Meinungsbild der Deutschen geworden und wird uns auch mit anderer Besetzung weiterhin am Sonntagmorgen durch den Kater geleiten oder zur eigenen Diskussion anregen. Dafür stecke ich auch drei virtuelle Euros in das Phrasenschwein.

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