Nationalspieler – Ehre oder Belastung?

Die jüngsten Vorfälle um die scheinheiligen Absagen und der angeblich gefälschten Röntgenbilder der beiden türkischen Nationalspieler von Bayer Leverkusen, Calhanoglu und Toprak, nähren mal wieder die Diskussionen um Sinn und Unsinn von Länderspielen. Auch wenn die Absagen der beiden mit der Waffen-Affäre um Teamkollege Töre natürlich einen noch weitreichenderen Hintergrund haben, gibt es auch beim DFB genügend weitere Beispiele. Denn auch deutsche Nationalspieler standen schon mehrmals im Verdacht unwichtigere Länderspiele mit vorgeschobenen kleineren Blessuren abgesagt zu haben. Sei es aus Unlust, Reisestrapazen oder um dem Verein in wichtigen Phasen frisch zur Verfügung zu stehen.

Wenn man allgemein in die Fanbasis hineinfragen würde, ob es eine Ehre oder eine Belastung ist Nationalspieler zu sein, dann wäre die Meinung glasklar: Man sollte dankbar sein den Adler auf der Brust zu tragen, Demut vor dem Ganzen zeigen, stolz sein für das eigene Land auflaufen zu dürfen. Dann werden alte Anekdoten hervorgekramt, die vor Pathos nur so strotzen und meistens mit Gras fressen und bedingungslosem Kampf bis zur kompletten Erschöpfung zu tun haben. Die alten Recken von ’54, ’74 und ’90 haben sich ja schließlich auch auf dem Platz für uns zerrissen. Alles richtig und vom Fanherzen her absolut nachvollziehbar. Doch die emotionale, patriotische Seite ist nur die halbe Wahrheit.

Keiner der aktuellen Nationalspieler ist nicht mit stolz erfüllt, wenn er für den DFB bei einem Länderspiel auflaufen darf, das steht außer Frage. Das Problem, welches die Nationalspieler haben, liegt vielmehr im Bereich des Umfangs der Länderspiele. In den letzten Jahren ist der Kalender der einzelnen Verbände immer umfangreicher geworden. Jede Lücke wird quasi mit mehr und mehr Spielen gestopft. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Der Fussball und insbesondere die Nationalmannschaften vermarkten sich hervorragend und werfen viel Profit ab. Mehr Spiele bedeutet mehr Geld, einfache Rechnung aus Sicht der Funktionäre. Hier liegt dann auch der Unterschied zu vergangenen Generationen von Nationalspielern. Ein Länderspiel hatte früher mehr Wert, da heutzutage eine Inflation an Spielen herrscht.

Dass eine Qualifikation für das jeweils nächste Turnier stattfinden muss, ist unumgänglich. Den Umfang allerdings kann man anders gestalten. Schon länger bestehen Ideen für eine Vor-Qualifikation, bei der die kleineren Nationen zunächst mal unter sich sind. Thomas Müller äußerte sich nach dem Gibraltar-Spiel ähnlich und hinterfragte den Sinn solcher Spiele. Möchte man den Qualifikationsmodus nicht verändern, müsste die Anzahl der Freundschaftsspiele verringert werden. Denn diese sind für Testzwecke selten zu gebrauchen, da die Ernsthaftigkeit eines Pflichtspiels nicht simulierbar ist, egal wie sehr ein Trainer das auch kommuniziert. Lediglich die unmittelbare Vorbereitungsphase zwischen dem Ende der Vereinssaison und dem Beginn eines Turniers ist auch unter Testbedingungen wichtig.

Den Spielern fällt es also schwer die eigentliche Ehre, die ein Länderspiel beinhaltet, wahrzunehmen, wenn sie zusätzlich zu der ohnehin schon großen Belastung durch die Vereinsspiele noch Testspiele ohne Wert oder Qualispiele gegen Gegner mit nicht vergleichbarem Niveau auf Nationalelfebene absolvieren müssen. Anstatt die Spieler für ihre Einstellung zu kritisieren würde man es ihnen demnach wesentlich einfacher machen ihre Nationalmannschaftseinsätze zu schätzen, wenn man den Kalender endlich wieder verschlankt. Kein Nationalspieler hilft seinem Land weiter, wenn er durch die fehlende Regeneration nicht fit ist. Denn Ehre allein hilft dem Körper eines Profisportlers nicht der Belastung standzuhalten.

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