Der psychologische Sidekick – Kramers Eigentor

Heute schreibt für uns der Sportpsychologe Henning Thrien, der zusammen mit Nils Gatzmaga den Blog Sportpsychologie im Fußball betreibt. Dort werden einerseits aktuelle Ereignisse unter die Lupe genommen, andererseits geben sie Tipps für den Sportalltag. Sowohl Spieler als auch Trainer finden auf ihrer Homepage interessante Artikel, wie durch kleine Hebel Großes bewirkt werden kann.

Sportpsychologe mit Schwerpunkt Fussball: Henning Thrien

Diesmal lehnen wir von DIAGO uns also mal zurück und wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

Zugegeben, kurios war das Eigentor von Kramer schon, welches den BVB nach mehr als einem halben Dutzend sieglosen Spielen in der Bundesliga zurück auf die Erfolgsspur brachte. Jedoch, aus psychologischer Sicht betrachtet, hatte der BVB einen großen Anteil an diesem Tor. Warum dieses Eigentor ein Produkt aus der Spielentwicklung gewesen sein könnte, soll diese taktisch-psychologische Analyse darstellen.

  1. Hoher Druck des BVB: Die Gladbacher waren über die gesamte Spieldauer nicht in der Lage geordneten Spielaufbau zu betreiben. Vor allem Christoph Kramer als zentral-defensiver Akteur stand unter Dauerdruck. Ihm fehlten von Beginn an Aktionen, welche ihm Selbstvertrauen schenken konnten. Er hangelte sich von Fehler zu Fehler. Das Ergebnis: Sein situatives Selbstvertrauen schrumpft, das Vertrauen in situative Aktionen fehlt.
  2. Physische Zermürbung greift mentale Frische an: Der eben erwähnte Dauerdruck des BVB raubte den Gladbachern körperliche Ressourcen. Diese Ressourcen sind aber wichtig, damit geistige Frische intakt bleiben kann. Kramer fehlte in dieser Situation eindeutig diese geistige Toughness. Ihm fehlt die Orientierung und situative Entscheidungssicherheit („Wo befinde ich mich“, „Wo steht der Keeper, der defensiv orientierte 6er“, „Wie ist meine Fußstellung/Körperhaltung zum Ball“) um einen qualitativen Ball zu spielen.
  3. Dortmund behält die Kontrolle und belohnt sich für hohen Aufwand: Die Dortmunder raubten den Gladbachern den Mut für ihre eigenen Aktionen. Gladbach reagierte über die gesamte Spieldauer, Dortmund agierte. Dieses Zusammenspiel aus Aktion und Reaktion macht einen wichtigen psychologischen Unterschied aus. Das Team, das agiert, kreiert über die Gesamtspieldauer selbstbewusstseinsfördernde Momente. Der Punkt „Kontrolle über das Geschehen haben“ ist dabei immens wichtig: Auch wenn eine Aktion einmal nicht erfolgreich endet, so war man doch derjenige, der die Initiative ergriffen hat. Gladbach hingegen hatte keinerlei Kontrolle über das Spiel, war in konstanter Reaktion gefangen. Dementsprechend waren die eigenen Aktionen fremdgesteuert. Dortmund diktierte nach Belieben, Gladbach war in dieser Diktatur gefangen. Fazit: Kontrolle über das Spiel gewinnen ist eine bekannte Fußballer-Floskel. Doch auch psychologisch betrachtet ist Kontrolle im Spiel ganz wichtig: Wer kontrolliert, der handelt, der bestimmt. Kontrolle führt zu Selbstvertrauen in eigene Aktionen und zur Schwächung des Selbstvertrauens des Gegners.

Kramers Eigentor gehört deswegen zu mindestens 90% dem BVB: Sie haben den Gladbachern die Kontrolle entzogen und sie demnach systematisch entmutigt.

Wenn euch gefällt, was ihr gerade gelesen habt, schaut doch mal bei unseren Kollegen auf www.psychologie-fussball.de vorbei. Dort findet ihr weitere sportpsychologische Analysen!

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