Die Renaissance der Fohlen

Noch heute schwärmt man am Niederrhein von der legendären Mannschaft in den Siebzigerjahren um Netzer, Vogts, Kleff, Heynckes, Simonsen und anderen Stars. Geformt und veredelt durch den damaligen Inbegriff eines Trainerfuchses: Hennes Weisweiler. Später dann übernommen von Udo Lattek. Es ist sicher nicht vermessen zu behaupten, dass diese Jahre die Erfolgreichsten der Vereinsgeschichte waren. Fünf Meisterschaften und einen Pokalsieg holte man allein zu dieser Zeit und auch kontinental machte man sich einen echten Namen, gekrönt durch den zweimaligen Gewinn des Europapokals 1975 und 1979. Noch heute ist der für Nicht-Deutsche witzige bis skurrile Vereinsname Fussballeuropa aus seiner goldenen Ära bekannt. Wenn man einen englischsprechenden Menschen mal das Wort „Mönchengladbach“ hat aussprechen hören, weiß man was gemeint ist. Und war vermutlich Zeuge eines Zungenkrampfes.

In dieser Zeit wurde der aufstrebenden Gladbacher Mannschaft ein besonderer Spitzname verliehen. Fortan hörten sie auf den Namen „Fohlen“. In Anspielung darauf, dass die Mannschaft allgemein noch recht jung war, aber mit einer mutigen, offensiv geprägten Spielanlage die Etablierten gehörig aufmischte. Angeführt natürlich von ihrem charismatischen „Zehner“ Günter Netzer, der das Spiel der Borussia mit seinen außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten prägte.

Nach dem goldenen Jahrzehnt konnte die Borussia nicht mehr an die ganz großen Erfolge anknüpfen. Nichtsdestotrotz blieb man in der Bundesliga stets eine Spitzenmannschaft und war regelmäßig international vertreten. 1995 feierte man dann sogar noch einen Pokalsieg. Der Niedergang begann dann in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Zwar konnte zunächst mehrfach, teilweise äußerst knapp der Abstieg verhindert werden, 1999 war es dann allerdings so weit. Die Elf vom Niederrhein stieg als Letzter aus der Bundesliga ab.

Die Gegenwart erstrahlt nun wieder in neuem Glanz. Selbstredend verbietet sich jeglicher Vergleich im Detail mit den überaus erfolgreichen Jahren in den Siebzigern. Das wäre einfach zu fussballromantisch und würde ein hohes Maß an Blauäugigkeit voraussetzen. Dafür hat sich das Fussballgeschäft auch zu sehr verändert. Aber eine kleine, nostalgische Freudenträne hat man als Gladbacher dieser Tage sicherlich im Knopfloch. Die Jahre des sportlichen Misserfolgs sind noch präsent. So war man seit Anfang der 2000er sogar zu einer Fahrstuhlmannschaft verkommen und kämpfte wahlweise um oder gegen Auf-, sowie Abstieg. Jede Saison ein erneuter Kampf der hohen, vergangenheitsbedingten Erwartungen gegen den gegenwärtigen Misserfolg. Anspruch und Wirklichkeit, in Gladbach lange Jahre unvereinbar getrennt.

Die Trendwende war mit Sicherheit die Relegation 2011. Lucien Favre hatte das Team zuvor als Trainer übernommen und musste retten, was zu retten war. Das war in dem Fall der 16. Platz und die gleichbedeutende Relegation gegen den Zweitliga-Dritten Bochum. In einem denkwürdigen Rückspiel schaffte Favres Team durch ein Tor  in letzter Minute den Klassenerhalt. Von der Schwelle zum Abgrund ging es in der Folge steil bergauf. Favre schaffte es eine Mannschaft, die fast abgestiegen wäre, in den Europapokal zu führen und als feste Größe im oberen Tabellendrittel zu etablieren. Diese Jahre zwischen 2011 und 2014 nutzte Favre, um die Qualität des Kaders kontinuierlich zu steigern. Er musste dabei, wie so viele andere aufstrebende Vereine auch, immer wieder Leistungsträger ersetzen, die dem Ruf der finanzstärkeren Konkurrenz gefolgt waren. Reus, Dante, Neustädter und ter Stegen sind die prominentesten Beispiele. Doch erneut schaffte er Lösungen und so kann er heute auf einen qualitativ, aber auch quantitativ starken Kader zurückgreifen, der auch der Dreifachbelastung standhalten kann.

Gefestigt und sinnvoll ergänzt startete man in die aktuelle Spielzeit. Mit einer starken Balance zwischen Defensive und Offensive spielte sich die Borussia bis jetzt auf Rang zwei in der Liga und wusste dank breitem Kader auch in den Pokalwettbewerben zu überzeugen. Die Rotation Favres greift bisher fast ohne Qualitätsverlust. Die Aufbruchstimmung am Niederrhein ist geradezu spürbar. Die Fans lechzen nach vielen unbefriedigenden Jahren und angefixt durch die letzten positiven Jahre nach neuen Erfolgen.

Der VfL erlebt momentan eine kleine Renaissance, die den Geist des goldenen Jahrzehnts wieder im Borussia-Park spürbar macht. Es wird sich zeigen, ob man tatsächlich wieder bereit ist die Vereinsvitrine erweitern zu können. Die Voraussetzungen hat Favre mit seinem Team in den letzten Jahren zumindest geschaffen.

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