Die bayrische Metamorphose

Fast schon ein wenig unheimlich, wie der FC Bayern derzeit auftritt. 6:0 und 7:1, letzteres sogar gegen eine italienische Spitzenmannschaft. Mit solchen Eishockey-Ergebnissen verschafft man sich eine Menge Respekt. Daher fühlt man sich auch automatisch an die Triple-Saison 2012/2013 erinnert, in der das Team unter Trainer Jupp Heynckes zu einer nicht müde werdenden Siegesmaschine wurde. Dabei profitierte man neben einem nahezu perfekten Spiel auch oft davon, dass viele Gegner sich quasi schon mit dem Anpfiff ergaben und hofften, dass es nicht zweistellig wird. Spiele wurden abgeschrieben, bevor sie begonnen haben. Tot stellen und hoffen, dass der Bär keinen Hunger hat. Der Ruf eilte den Münchnern voraus, denn besonders beeindruckende Ergebnisse statuierten quasi ein Exempel. Wie ein Mahnmal schüchterten Kantersiege kommende Gegner ein. Und so gelang es auch an schwächeren Tagen durch die vorherrschende Passivität des Gegners ungefährdete Siege einzufahren.

Dieser Nimbus der Unbesiegbarkeit erfuhr in der letzten Saison einige Kratzer und war schließlich so gut wie passé. Der BVB kam tabellarisch etwas näher heran, in direkten Duellen wie gewohnt auch auf Augenhöhe. Guardiolas radikale Spielidee brauchte eine gewisse Zeit um zu greifen. Heynckes’sche gnadenlose Effektivität im allseits gespielten 4-5-1-System wurde ersetzt durch das totale Ballbesitzspiel des Spaniers. Dies versuchte er zunächst ebenfalls im 4-5-1 zu realisieren. Zwar war man schlussendlich Meister und Pokalsieger, musste sich aber deutlich mehr strecken und wurde in der Königsklasse sogar von Real Madrid vorgeführt. Spätestens nach den denkwürdigen Halbfinalspielen war der Bann gebrochen und auch schwächere Gegner trauten sich wieder mehr gegen die einst unschlagbaren Bayern.

Erst recht nachdem auch diese Spielzeit etwas holprig begann. Geplagt vom Sonderurlaub der WM-Fahrer und zahlreichen Verletzungen, darunter auch Schwerwiegende, wie bei Martinez, ließ man prompt Punkte. Doch nutzen konnte diese Schwäche keiner der Konkurrenten. Besonders Dauerrivale Dortmund hat mit noch mehr Problemen zu kämpfen und musste bereits nach wenigen Spieltagen abreißen lassen, sodass die Bayern nun wieder in aller Ruhe ihre Kreise an der Tabellenspitze ziehen können. Was dabei besonders beeindruckend ist, ist die Tatsache, dass Guardiolas Spielidee nach einem Jahr Vorlaufzeit nun vollends im Team angekommen ist. Die Metamorphose von der üblichen 4-5-1-Formation zum viel flexibleren, aber eben enorm schwer zu spielenden 3-5-2 ist abgeschlossen. Mit dem aus der Verletzungsnot heraus verpflichteten Alonso, der spielstarken Sturmspitze Lewandowski und dem flexiblen Bernat hat Guardiola nun endlich die letzten Mosaiksteine für seine Idee des Spiels zusammen.

Das 3-5-2-System bietet taktisch die enorm wertvolle Komponente sowohl in Ballbesitz, als auch im Spiel gegen den Ball, numerisches Übergewicht erzeugen zu können. Die Außenspieler im Mittelfeld müssen dabei ein enormes Laufpensum verrichten, denn ihre Aufgaben schwanken zwischen Außenverteidiger und Flügelspieler. Dort besticht vor allem Neuzugang Bernat. Diese hohe Flexibilität auf den Flügeln bietet natürlich Angriffsfläche für den Gegner, falls das Umschaltspiel nicht adäquat funktioniert. Daher ist eine stabile Zentrale, die möglichst wenig Ballverluste zulässt, das A und O. Diese wird von Fedherr und Schaltzentrale Alonso im Zusammenspiel mit dem wendigeren Lahm nahezu perfekt ausgefüllt. Passquoten am absoluten Limit und solides Zweikampfverhalten machen die Zentrale des FCB bärenstark.

Bisher also wenig Grund zur Beunruhigung für Guardiola und sein Team. Lediglich die Tatsache, dass bisher noch kein echter Gradmesser als Gegner dabei war, birgt etwas Gefahr. Denn solange den Bayern das Spiel überlassen wird, ziehen sie ihre Passstafetten und Positionsrochaden bis zur Perfektion durch. Wenn sie allerdings auf einen Gehner treffen, der mitspielen und Ballverluste erzwingen kann, könnte Guardiolas 3-5-2 in die Bedrouille geraten. Kommt es bei eigenem Ballbesitz im Angriffsspiel dann zum Ballverlust, steht die eigene Defensive schlechtestenfalls Mann gegen Mann, falls der Gegner schnell genug umschaltet. Denn dann ist die Dreierkette auf sich gestellt, ohne die aufgerückten Außen.

Diese Saison wird also zeigen, ob dieser riskante Spielstil auch gegen die ganz Großen funktionieren kann. Guardiolas Idee vom Fussball bleibt jedoch hochinteressant und beweist, dass er ein Querdenker ist, der das Spiel auf ein anderes Level bringen kann. Die bayrische Metamorphose ist schließlich sein Werk.

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