#02 – Die letzte Zuflucht

In dieser Serie stehen die abertausenden Amateurkicker im Mittelpunkt. Wir erklären die Faszination Kreisliga und warum es sich immer wieder lohnt die Knochen für den Verein hinzuhalten. An jedem verdammten Sonntag.
Heute bekommen wir aus erster Hand erklärt, warum die Kreisliga einer der letzten Zufluchtsorte des Mannes ist.

Ich spiele selber Fußball, in einem Verein. Dort, wo Fußball noch ein Männersport ist, auf Gottes rotem Acker. Wo man noch nach Tagen weiß, dass man die wichtigste Grätsche des Spiels beging, weil man immer noch Fußballplatz im Bein hat. Dort, wo Helden geboren werden und Selbige so schnell fallen wie damals Andreas Möller.
Kurz und unbeschönigt: Im Ruhrpott auf Asche in der Kreisliga C. Für die Nicht-Kenner unseres Ligensystems: Das ist die Liga, die ganz oben steht, wenn man das Ligensystem dreht.
Jedoch: Eine traurige Meldung erschüttet die gläubigen Anhänger des roten Acker Gottes: Der Ascheplatz stirbt aus. Ja, liebe Freunde des holprigen Untergrunds, die Zeiten des roten Goldes gehen zuneige. Bundesweit geht der Trend zum Kunstrasen.

Kunstrasen? Dabei ist es doch der Ascheplatz, der es zur Kunst macht, einen Ball zwei Meter geradeaus zu spielen. Der es zur Kunst macht, einen flachen Ball anzunehmen, der innerhalb von fünf Metern vier Mal die Richtung und Höhe wechselt. Der es zur Kunst macht zu grätschen, dabei den Ball zu treffen und gleichzeitig so zu landen, dass man auch weiterhin die ursprüngliche Funktion seines Gesäßes nutzen kann. Und damit meinte ich Sitzen. Da wären noch die zahlreichen Verletzungen, die von dem unbarmherzigen Untergrund herrühren. Solche, die man mit sich herumträgt, wie Trophäen: „Seht her, was ist schon der Preis meiner oberen drei Hautschichten gegen die Tat, ein Tor zu verhindern.“. Ein Hauch von Rambo: „Ich wurde angeschossen, aber hey, die bösen Jungs haben verloren“. Gut, meistens waren diese tot, von daher hinkt der Vergleich an dieser Stelle. Aber wie sieht es bei Kunstrasen aus? Bei Kunstrasen ärgert man sich dann über Granulatkügelchen zwischen den Zehen. Haben Sie Rambo III gesehen? Stellt euch vor, Rambo würde nicht verletzt werden und mitten im Film setzt er sich hin und beklagt sich, dass er Sand im Schuh hätte. Huiuiui wie männlich und hart dieser Mann ist. Und darum geht es uns Männern doch, oder? Härte zeigen. Damals waren es die Klauen von Säbelzahntigern, heute sind es aufgerissene Beine von Ascheplätzen. Doch auch dieser wird uns Stück für Stück genommen. Kunstrasen schont unsere Körper und was kommt dann? Möglicherweise ein Gesprächsleitfaden für Fußballspieler auf dem Platz: Es wird dann auf dem Platz nicht mehr geschrien, sondern bedächtig artikuliert.

Womit wir beim nächsten Punkt wären, der dafür spricht, dass der Fußball eines der letzten Zufluchtsorte des Mannes vor einer fortschrittlichen Welt ist, in der seine ursprünglichen Talente und Erfahrungen aus Millionen von Jahren nicht mehr benötigt werden: Die Kommunikation. Es wird immer wichtiger, sich artikulieren zu können. Es erfordert Fingerspitzengefühl, Einfühlsamkeit und Beobachtungsgabe, seine Freunde, Arbeitskollegen, Ehefrauen und Partner so anzusprechen, dass sie genau erkennen, was wir sagen und was wir damit meinen. Früher haute man der Frau die Keule über den hübschen, oder sagen wir mal für damalige Verhältnisse paarungsakzeptierten Kopf und –zack-, man „ging miteinander“. Wie lange das heute dauert, haben genug Leute vor mir ausreichend erklärt. Nur soviel: Es dauert ewig und eher gibt es Frieden im Nahen Osten, als dass dieses Thema mal durchgekaut ist.

Früher war das wie beim Fußball: Kurze, knappe eindeutige Nachrichten, die eindeutige Informationen beinhalten. Nehmen wir mal folgende Situation an:
Ich führe den Ball, und in gut zwei bis vier Metern Abstand entscheidet sich hinter mir ein Gegner, mir hinterherzulaufen. Er rennt los und hat mich innerhalb von vielleicht drei Sekunden eingeholt. Versuchen Sie mal innerhalb von maximal drei Sekunden folgenden Satz zu sagen: „Noch hast du Zeit den Ball zu führen, aber pass auf, der Gegner ist jetzt gleich hinter dir, achtung, nun ist er da.“ Das geht nicht. Deswegen reichen Signalwörter, denn in der Realität hört es sich dann so an: „Zeit, Zeit JETZT KOMMTER“ – ein bis zwei Sekunden für die gleiche Botschaft. Und dabei gibt es keine zwei Deutungen. Niemand wird sich nach „Zeit“ umdrehen und sagen „Hey, ich hab doch gar keine Uhr um, frag den Schiedsrichter!!!“ Zeit heißt: „Junge, du hast Zeit, bisher greift dich keiner an, geh‘ mit dem Ball und bleib‘ ruhig.“

Wie damals, als man aufgrund der Trivialität der Sprache auf rudimentäre Signale zurückgriff, die universale Gültigkeit hatten. Und diese Einfachheit, die fehlt uns. Alles muss ausformuliert werden. Man muss zuhören und bei Fragen sogar „Bitte“ sagen. Aber das alles ist vergessen, sobald der Mann auf dem Fußballplatz steht. Endlich wieder wir selbst sein. Auf die Jagd gehen, kämpfen, sich verletzen, keine verbalen Missverständnisse und stolz nach Hause zu seiner Frau kommen und erzählen: „Ich habe 90 Minuten gespielt, in der 5. Minute ein Tor mit Grätsche verhindert, dann 85 Minuten mit blutendem Bein noch ein Tor vorbereitet und zwei selbst gemacht, wobei ich bei dem letzten Tor, welches das Spiel entschied, auch noch das andere Bein aufgerissen habe.“ Und man fühlt sich als Held und schaut in das Gesicht der Frau und… tja. Was sehen wir? Oftmals nur eine Mischung aus Mitleid, Unverständnis, Belächeln und Desinteresse. Meistens in Kombination mit einer Aussage, die alle vier Punkte noch einmal untermauert, in der selben Reihenfolge: „Och du Armer, was gehst du auch immer wieder dahin? Ihr Männer mit eurem Fußball. Wie habt ihr gespielt?“ Und ZACK von der weiblichen Keule auf den Kopf bekommen und schon wird man wieder in die Höhle der Gegenwart gezerrt.

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