Ziemlich beste Feinde

Es ist mal wieder soweit. Und es ist gut, dass es soweit ist. Wenn der BVB und der S04 im großen Revierderby aufeinandertreffen, steht das Ruhrgebiet wieder für zwei Stunden still. Die Straßen sind so gut wie leer gefegt, man ist entweder zu Hause, in der Kneipe oder im Stadion. Es gibt nur zwei Momente im Jahr, an denen man auf der A40 ohne Verkehr vorankommt. Zwischen halb vier und halb sechs kann man dort locker auf drei Spuren gleichzeitig fahren.

Diese ganz spezielle Beziehung, die das Ruhrgebiet zu ihren Vereinen hat, findet man in der Form wahrscheinlich auch nur dort. BVB oder S04 sind einfach immer Gesprächsthema. Die Oma hat Geburtstag? – „Wie steht’s bei Schalke?“. Taufe der eigenen Tochter? – „Spielen die beim BVB noch?“. Oder auch auf der eigenen Hochzeit? – „Wer hat getroffen?“.
Es gibt kein Ereignis, was wichtiger, als der Fussball sein könnte.
Viele mögen das als primitiv oder eintönig beschreiben. In Wirklichkeit ist der Fussball aber für viele Menschen der Halt, den sie in anderen Bereichen des Lebens nicht haben.
Denn der Fussball verbindet. Dort knüpft man leichter soziale Kontakte, als anderswo. Schnell ist man im Gespräch und zur aktuellen Situation des Vereins kann schließlich jeder was sagen. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich eigentlich immer einigen kann. In einer traditionell eher sozial schwachen Gegend, wie dem Ruhrgebiet, sind solche emotionalen Werte umso wichtiger. Und wenn etwas emotional gelebt werden kann, dann der Fussball.

Eine Niederlage im Derby ist also das Schlimmste, was passieren kann. Nichts ist unangenehmer, als sich Hohn und Spott des anderen Lagers anzuhören. Wenn der Fussball derart viel Platz im Leben einnimmt, trifft so eine Niederlage direkt ins Mark.
Bei allem Hass, der speziell im Vorfeld der Derbys ja gerne allerseits kommuniziert wird, wäre es aber undenkbar ohne den jeweils anderen zu existieren. Oft wird den Rivalen alles Schlechte gewüscht. Niederlage, Abstieg, Auflösung, bis auf die Grundmauern niederbrennen. Die Dimensionen des Hass sind nahezu unbegrenzt. Doch ohne einander wäre es nicht das Gleiche. Wen soll man dann hassen, wenn es den größten Rivalen nicht mehr gibt? Auf was soll man sich freuen, wenn das Derby nicht zustande kommt?

Das Erstaunliche an der Sache ist jedoch, dass selbst die größten Lautsprecher und Vorreiter des gegenseitigen Rivalisierens, denen man Einsicht am wenigsten zutrauen würde, das tief im Innern wissen. Ohne den besten Feind gibt es keine Genugtuung.

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