EM 2024? Kein Sommermärchen 2.0

Sommermärchen – dieser Begriff wird auf ewig mit der warmen Jahreszeit im Jahr 2006 verbunden bleiben. Aber was steckt hinter diesem Begriff? Was verstehen wir darunter?

Zunächst mal steckt die Fussballweltmeisterschaft dahinter, die in besagtem Jahr in Deutschland ausgetragen wurde. Eine der größten und meistbeachtesten Sportveranstaltungen gab sich in unserem Land die Ehre. Die besten Fussballer des Planeten, versammelt in good ol‘ Germany. Doch es war mehr, als „nur“ ein riesengroßes Sportevent.
Die deutsche Mannschaft spielte sich als fussballerisch eher limitierte Truppe mit viel Herz und dem wahnsinnigen Support der heimischen Fans vor bis ins Halbfinale. Dabei war die überaus positive und so nicht zu erwartende Leistung der deutschen Mannschaft jedoch für viele nur das Rahmenprogramm.

Was diese WM ausgemacht hat, war vielmehr der Geist um die Spiele herum, der aus einem Sommer ein Sommermärchen machte. Jeder weiß heute noch, wo er war, als Fabio Grosso den Traum in der Verlängerung beendete. Oder wo er war, als Jens Lehmann den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien hielt. Jeder hat seine persönlichen Stories zu dieser WM.

2006 war unter anderem auch die Geburtsstunde dessen, was heute für uns gang und gäbe ist. Nämlich das Public Viewing. Natürlich haben sich auch vor der WM 2006 schon Menschen in Gruppen versammelt um Fussball zu gucken, aber in dem Ausmaß war das neu. Von der Berliner Fanmeile als Herzstück, bis zum Garten des Nachbarn mit 1,5m-Leinwand. Der Hype kannte keine Grenzen. Sicher ist man als eingefleischter Fan, der den Fussball immer und nicht nur bei großen Turnieren verfolgt, gerne geneigt sich von den wenig informierten Mitguckern zu distanzieren. Gemeinsame Begeisterung für eine Sache ist aber grundsätzlich positiv, egal ob gutes oder schlechtes know-how.

Denn diese gemeinsame Begeisterung brachte etwas zurück, was unser Land seit seiner schwierigen Vergangenheit runterschluckt, wie bittere Medizin. Nationalstolz wurde dieser Tage plötzlich gesellschaftsfähig. Keiner musste sich mehr blöd angucken lassen, wenn er die Liebe zu seinem Land öffentlich mit Flaggen bekundete. So banal es klingt, aber diese simple Sportart Fussball setzte mit der WM im eigenen Land einen ganz wichtigen Meilenstein in die Entwicklung unserer Gesellschaft und der Verarbeitung einer dunklen Vergangenheit.
Aber nicht nur das Verhältnis der Deutschen zu ihrem eigenen Land machte eine Veränderung durch, auch die Meinung der ganzen Welt über unser Volk wurde von Grund auf überdacht.
Mit einer perfekten Organisation und Infrastruktur schaffte man es einen angemessenen Rahmen zu bieten. Dabei konnte man sich gegenüber vielen Ländern hervortun, die zuvor große Probleme hatten so ein Riesenevent zu veranstalten. Die große Gastfreundlichkeit der Deutschen tat dann ihr übriges dazu. Der Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war definitiv keine leere Worthülse. Die Welt war nämlich geradezu verblüfft über die zuvorkommende Art der Deutschen. So kannte man das als nüchtern und verbittert geltende Volk nicht.

Die ganze Entwicklung während dieser vier Wochen war so vorher nicht absehbar und auch deshalb war es so besonders. Keiner hat damit gerechnet, alle ließen sich von der Begeisterung spontan mitreißen. Eine einmalige Konstellation, die in der Form nicht nochmal reproduzierbar ist.
Hier liegt dann auch das Problem der etwaigen EM 2024 in Deutschland. Die Zeichen verdichten sich, dass die Vergabe dieses Turniers tatsächlich an den DFB gehen könnte. So wurde nun klar, dass Wolfgang Niersbach die Bewerbung um das Finale der kontinentalen EM 2020 für den deutschen Verband zurückgezogen hat. Die Vermutung liegt nahe, dass dem ein Deal oder zumindest eine Absichtserklärung mit der UEFA vorausgegangen sein könnte. Nach dem Motto: Ihr kriegt die EM 2024, wenn ihr das Finale 2020 jemand anderes überlasst. Zwei EM-Finals ins Folge auf deutschem Grund wären auch zu viel des Guten.

Von einem Problem in Bezug auf ein Turnier im eigenen Land zu sprechen ist natürlich überspitzt formuliert und in jedem Fall in Anführungsstriche zu setzen. Aber die Erwartungshaltung an solch ein Turnier kann wohl kaum erfüllt werden. Dass der DFB eine etwaige EM in gleicher Perfektion organisieren wird, wie das Turnier 2006, steht außer Frage. Die Infrastruktur ist nach wie vor ideal. Darüberhinaus ist auch davon auszugehen, dass man sportlich ebenfalls eine favorisierte Mannschaft aufs Feld schicken kann.
Was aber nicht einfach kopierbar ist, ist die spontane, mitreißende Stimmung und die völlig neuen Eindrücke, die den Geist damals ausgemacht haben. Selbst in dem Wissen, dass das so nicht noch einmal passieren kann, wird diese Erwartung insgeheim mitschwingen. Der Vergleich zwischen den Turnieren wird hinken, aber rational denken fällt bei einer so emotionalen Angelegenheit nunmal schwer.

Man muss für sich also einsehen, dass es eine Neuauflage des Sommermärchens nicht geben kann. Auch wenn es schwer fällt. Dass eine etwaige EM 2024 hier bei uns aber trotzdem eine großartige Veranstaltung werden kann, sollten wir uns stattdessen vor Augen halten.

 

Beitragsbild: Quelle

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2 Kommentare zu “EM 2024? Kein Sommermärchen 2.0”

  1. So wie man „Deutschland“ kennt, schaffen sie es bis dahin, dieses kleine bisschen Stolz abzuschaffen. Gibt bis dahin ja einige Ereignisse, wo man die Deutschland-Fahnen wieder diskutieren kann, bis sich keiner mehr traut, eine aufzuhängen.
    Vielleicht kommt es dann zu einer „Wiedergeburt des Sommermärchens“.

    🙂

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