Mats Hummels – clever & smart

Es gibt ein altes Klischee über Fussballer. Sie wären nicht die Schlausten, besagt es. Es wäre gar von Vorteil, wenn man als Fussballer nicht viel nachdenken würde. Dementsprechend erwartete man lange Zeit auch nichts, was über die üblichen Sportinterview-Phrasen hinaus geht.

„Wie fühlen Sie sich bei Ihrem neuen Verein?“ – „Ich bin froh hier zu sein.“

Danke für nichts!
Natürlich lässt sich auch über die Fragenqualität der Journalisten streiten, aber mit etwas Sinn für Rhetorik würde man erkennen, dass so eine augenscheinlich simple Frage auf mehr, als einen auswendig gelernten Einzeiler abzielt.
Spieler, die mehr als solche Aussage leisten können, waren lange Zeit äußerst rar gesät. Günter Netzer ist so ein Vorreiter gewesen. Er konnte Zusammenhänge und Entwicklungen schon weitsichtig einschätzen, während das für die meisten seiner Berufskollegen noch undenkbar war. Auch stellte er schon immer einen eloquenten Interviewpartner dar.

Heutzutage ist dieses Klischee überholt. Es gehört mittlerweile zum Aufgabengebiet eines Spitzenfussballers mit den Medien umzugehen und gleichzeitig ein moralisches Vorbild darzustellen.
Wenngleich das nicht jedem gelingt.
Um genau zu sein, es gelingt nur den wenigsten wirklich gut.

Einer davon ist Mats Hummels. Der Prototyp des modernen Innenverteidigers hat sich nicht nur auf dem Platz in die absolute Weltklasse gespielt, sondern erfüllt auch neben dem Platz seine Aufgaben mit Bravour. Wann immer er vor die Kameras tritt, kann man mit sachlichen, überlegten Worten rechnen. Er wirkt dabei eher wie ein lockerer Student der bildenden Kunst, der mit ruhiger Stimme über die Unterschiede zwischen Gothik und Barock doziert, als wie ein Profisportler, der nach 90 Minuten Anstrengung etwas zu einem Stellungsfehler aus der ersten Halbzeit sagen soll. Hätte er kein Fussballtrikot an, sondern würde Club Mate schlürfend mit seinem Jutebeutel, auf dem ein pseudolustiger Anti-Gesellschaftsspruch steht, in einer Hipster-Bar in Berlin-Mitte sitzen, würde niemand auf die Idee kommen, dass er einer der besten Innenverteidiger der Welt ist. Im Vergleich zu vielen aalglatten, unnahbar wirkenden Kollegen mit ähnlichem fussballerischen Können, wirkt Hummels schon beängstigend normal. „Normal“ darf hier absolut als Kompliment verstanden werden.
Während man sich problemlos vorstellen kann mit Mats Hummels Playstation zockend über Frauenprobleme zu quatschen, wird man allein beim Gedanken an ein persönliches Wort mit Stars, wie Ronaldo oder Ibrahimovic schon von Security-Männern niedergestreckt.

Neben seinen wohlgewählten Worten, ist Hummels aber auch in der Lage als Vorbild voranzugehen, sich vor seine Mannschaft stellen zu können. Diese Qualität hat man beim BVB längst erkannt. Deshalb machte Jürgen Klopp ihn auch in diesem Sommer zum neuen Kapitän. Dies war notwendig geworden, da der bisherige Mann mit der Binde seine letzte Saison angekündigt hat. Sebastian Kehl wird nach dieser Spielzeit seine Karriere bei der Borussia beenden.
Daher entschied man sich bereits jetzt den Wechsel zu vollziehen, damit Hummels in seinem ersten Jahr als Kapitän von Kehl noch etwas angelernt werden kann. Eine weitsichtige, überlegte Entscheidung, bei der auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass er bisher ein absolut skandalfreies Privatleben geführt hat. Auch in dieser Hinsicht stellt er ein Muster an Seriösität dar.

Doch nicht nur in Dortmund brauchte man einen neuen Spielführer. Beim DFB war man ebenfalls auf der Suche nach dem Rücktritt von Philipp Lahm. Dass man sich hier zunächst mal für Bastian Schweinsteiger entschied, heißt nicht, dass Hummels dieses Amt in Zukunft nicht auch ausfüllen könnte. Denn Schweinsteigers Amtszeit wird wohl nur zwei Jahre andauern.
Nach dem WM-Triumph hatten nicht wenige bereits schon ein Karriereende in der Nationalelf prophezeit. Auch ob seiner langen Verletzungsgeschichte. Und so wird nach der EM 2016 dann auch die große Nationalelfkarriere Schweinsteigers enden.

Der Nachfolger könnte dann eben Hummels heißen, der nun auf Vereinsebene bereits Erfahrung als Kapitän sammeln kann. Diesen Vorteil hätte er dann gegenüber seinem mutmaßlichen Konkurrenten Manuel Neuer um die DFB-Binde nach der kommenden EM.

Mit dem kürzlich bekannt gewordenen Verzicht auf eine Ausstiegsklausel im Vertrag bewies er außerdem ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl. Dass Hummels nicht sein Leben lang beim BVB bleiben wird, bezweifelt auch der fanatischste Fan der Schwarz-Gelben sicher nicht. Mit der gewählten Lösung stellt er sich also mit den ohnehin schon wohlgesonnenen Fans noch besser und hat darüberhinaus die Sicherheit, dass man ihm vereinsseitig am Tag X keine Steine in den Weg legen wird. Denn er hat sich damit schließlich immer tadellos und transparent dem Verein gegenüber verhalten. Dies wird man auf Dortmunder Führungsebene entsprechend berücksichtigen, auch aus dem Grund nicht selber Imageschaden zu nehmen, was auf zukünftige Spieler abschreckend wirken kann. Seine Ausstiegsklausel ist quasi moralischer, anstatt vertraglicher Natur.

 

Beitragsbild: Quelle

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