Der traurige Torero

Ziemlich ernst blickte Mario Gomez mal wieder nach dem Testspiel gegen Argentinien in Düsseldorf drein. Dieser Blick ist bei ihm leider zu einem regelmäßigen Gesichtsausdruck geworden. Wenn man so will, ist es bereits eine Gesichtsstarre. Schon bei seiner Auswechslung während der zweiten Hälfte ließ er sich frustriert in den Sitz der Auswechselbank fallen. Hände vor das Gesicht gehalten, erstmal durchpusten. Nach ein paar Minuten wird ihm wohl klar geworden sein, was da mal wieder passiert ist.

Über ein Jahr ist er nicht mehr mit dem Adler auf der Brust aufgelaufen und hatte sich für seine Rückkehr viel vorgenommen. Ein positives Erlebnis zum Wiedereinstieg hätte ihm nach der langen Leidenszeit enorm gut getan. Denn die abgelaufene Saison war eine gänzlich verlorene für ihn.
Gomez war zur Saison 13/14 nach Italien zum AC Florenz gewechselt, um nach einem schwierigen Jahr als Edelreservist beim FC Bayern wieder die Wertschätzung zu genießen, die ein Mittelstürmer seiner Klasse erwarten darf.
Doch anstatt bei der Fiorentina zu alter Stärke zurückzufinden, wurde er von langwierigen Verletzungen mehrfach zurückgeworfen und kam in der abgelaufenen Saison lediglich auf vier Tore. Eine Quote, die ganz und gar nicht in die Karriere von Gomez passt.

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Seine Leistungsdaten belegen glasklar, dass er bei jeder seiner Stationen eine enorme Treffsicherheit an den Tag legte. Hätte man durchweg beim FC Bayern auf ihn gesetzt, anstatt ihn immer wieder zu hinterfragen und auf die Bank zu setzen, seine Quote wäre noch beeindruckender.
Warum also hat jemand mit solchen Leistungsdaten, die über jeden Zweifel erhaben sind, ein derart schlechtes Image in der Öffentlichkeit?

Das problematische Verhältnis der Fans zu Gomez hat seinen Ursprung im Vorrundenspiel der EM 2008 gegen Österreich. Der 16. Juni 2008 war beileibe kein guter Tag für den selbsternannten Torero.
Das Spiel hatte zusätzlich an Bedeutung gewonnen, da das zweite Gruppenspiel gegen Kroatien verloren wurde, wodurch ein Sieg im abschließenden Spiel gegen Österreich zur Pflicht wurde. Dementsprechend angespannt ging es im Wiener Ernst-Happel-Stadion zur Sache. Als Gomez dann bereits in der fünften Minute freistehend vor dem Tor von Klose bedient wird, ihm aber aus etwa 2,5 Metern der Ball über den Spann rutscht und über das Tor fliegt, geht ein Raunen durch Deutschland.

Der Worst Case für jemanden, dessen Aufgabe es ist genau diese Chancen zu verwerten. Einer dieser Situationen, wo man als Fan den Torschrei schon auf den Lippen hat. Von einem „Hundertprozenter“ zu sprechen wäre untertrieben.

Bei all der berechtigten Kritik um diese Szene, muss es irgendwann aber auch mal gut sein. Ihn daraufhin als Chancentod abzutun und pauschal als Sündenbock anzuführen, ist schlichtweg unverhältnismäßiger Unsinn.
In der Folge hing ihm diese Szene immer wieder nach. Erneut befeuert wurde die Diskussion durch Mehmet Scholl, der als TV-Experte festellte, dass Gomez sich vorne „wund liegen würde“. Gemeint war das Gruppenspiel gegen Portugal bei der EM 2012, bei dem Gomez als einzige Spitze etwas verloren wirkte und nicht ins Spiel fand. Dass er allerdings kurz vor Ende das entscheidende 1:0 machte und somit den Sieg brachte, wurde von der Öffentlichkeit bewusst übersehen. Verständnislos reagierte Gomez auf diese Kritik von Scholl. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Scholl zu diesem Zeitpunkt Trainer der Reserve beim FC Bayern war, bei dem auch Gomez damals spielte. Die denunzierende Aussage kam also quasi aus dem eigenen Lager.
Neben offiziellen Statements wird er auch immer wieder mit dem Hohn der Fans konfrontiert. So findet man beispielsweise bei YouTube eine „Gomez Fail Compilation“. Sobald er eine Torchance vergab, hieß es sinngemäß: „Der Gomez wieder, was für ein Stümper.“ Dass solch eine öffentliche Meinung dem Selbstvertrauen eines Spielers nicht gerade gut tut, sollte jedem klar sein.

Die Pfiffe beim Testspiel gegen Argentinien kamen also leider wenig überraschend. Dass man als Fussballer auch mal mit Unmutsbekundungen der eigenen Fans rechnen muss, steht dabei außer Frage. Nichtsdestotrotz gehört es sich einfach nicht einen einzelnen Spieler während des Spiels auszupfeifen. Erst recht nicht, wenn diese Reaktion pauschal nach jeder vergebenen Chance kommt.

Ob Gomez noch in die Nationalelf passt, sollte also keinesfalls anhand vergebener Chancen oder Vorfällen aus der Vergangenheit festgemacht werden. Vielmehr gilt zu beurteilen, ob sein Spielertyp noch gefragt ist.
Denn ein klassischer Sturmtank, wie Gomez einer ist, behindert natürlich den Spielfluß einer technisch starken Mannschaft, wie der DFB-Elf. Und diesen Stil hat Löw zurecht etabliert, ob der Fülle an dribbelstarken Feingeistern. Allerdings beraubt man sich einer weiteren taktischen Variante, wenn man auf den klassischen Sturmtank im Kader gänzlich verzichtet. Ein beweglicher Stürmer mit Torinstinkt, der einen Kompromiss darstellen würde, fehlt zur Zeit. Die WM hat aber auch gezeigt, dass Spezialkräfte den Kader bereichern und in manchen Situationen sogar Spiele entscheiden. Vor allem, wenn man einen Stürmer mit den Fähigkeiten von Mario Gomez hat, der in Topform absolute Weltklasse verkörpert. Weltklasse unter seinesgleichen.

Von daher gilt zu bewerten, ob ein Spielertyp wie Gomez im Spiel gegen den jeweiligen Gegner sinnvoll ist. Und das frei von emotionaler Beeinflussung, die durch vergangene Momente bedingt wird. Denn dann kann auch Mario Gomez selber wieder freundlicher dreinblicken.

 

Beitragsbild: Quelle

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2 Kommentare zu “Der traurige Torero”

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