Deadline Day – 24 Stunden Transferwahnsinn

Deadline Day, Resterampe, Basar. Wie man das Ende einer Transferperiode auch nennen mag, es geht vor allem eins: drunter und drüber. Die Sportverantwortlichen fast aller Vereine arbeiten an diesem Tag quasi pausenlos. Anrufe von Beratern, Mails von anderen Vereinen oder Faxe mit Verträgen. Jeden Moment kann etwas Neues passieren, auf das dann adäquat reagiert werden muss. Wie an der Börse gehen Angebot und Nachfrage minütlich hin und her. Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, verkauft an den Mann mit dem Schweiß auf der Stirn!
Dabei lässt sich das Transfergebaren so kurz vor Toreschluss für jeden Verein leicht einschätzen. Es gilt folgende Faustregel: Je schlechter der Saisonstart, desto höher die Aktivität am Stichtag.
Wer die ersten Spiele richtig schön verwachst hat, der zweifelt umso mehr an dem, was er im ganzen Sommer vorher an Transferarbeit geleistet hat. Da die Zeit bis zum nächsten Transferfenster im Januar aussichtslos lang erscheint, spielt gerne mal die Panik bei einigen Geschäften mit. Vom überteuerten Schnellschuss bis zum Last-Minute-Schnäppchen, alles ist möglich.

Doch wie erlebt man eigentlich als passionierter Fussballfan die letzten Stunden des Transferfensters?

Der Morgen des Deadline-Day bricht an. Wecker klingelt, Körper müde, hoffen, dass es Wochenende ist. Negativ, Wecker zeigt eine fünf am Anfang. Es muss Montag sein. Der innere Schweinehund kriegt einen Lachanfall.
Doch es ist kein gewöhnlicher Hass-Montag, denn heute ist alles anders. Transfer-News den ganzen Tag und das in einer überflutenden Menge. Wenn Heiligabend der große Tag für alle Christen ist, dann ist dieser Tag das Nonplusultra für alle, die an den Fussballgott glauben.

Noch im Bett liegend wird sich erstmal das Smartphone geschnappt und nachgelesen, was in der Nacht passiert ist. Schnell mal durch die Transferticker von Kicker und Transfermarkt gescrollt, ein paar Leihen wurden fixiert, interessante Gerüchte machen Lust auf mehr. So weit, so gut.
Da die eigene Körperpflege auch am Deadline Day zugunsten aller Mitmenschen nicht gänzlich vernachlässigt werden kann, entscheidet man sich dann doch für die Dusche. Am Frühstückstisch dient dann erstmal das scheidende Medium Zeitung zur Nachlese der Entwicklungen der letzten Tage. Ganz klassisch und analog auf Papier. Ein paar Kommentare von überbezahlten Wichtigtuern zu den letzten Transfers werden überflogen. Alles Unsinn, hätte ich besser geschrieben, regt mich nur auf. Zeitung wird akurat in die Tonne gefaltet und ab zur Arbeit.

In der Bahn dient zunächst mal wieder das Smartphone als Tor zur weiten Welt der großen Transfers. Ticker aktualisieren, aktualisieren, aktualisieren. Oh, ein Hinweis zu einem eventuellen Toptransfer, der vielleicht unter Umständen zustande kommen könnte. Ich lehne mich interessiert nach vorne.
Derweil ist einen Vierersitz weiter ein unqualifizierter Kommentar eines älteren Herrn zu vernehmen: „Ich dachte der Alonso fährt Autorennen.“
Ich steige kopfschüttelnd aus.

Im Büro angekommen wird sich erstmal mit Arbeit abgelenkt. Ja, am Deadline Day ist alles möglich, auch Arbeit als Ablenkung. Erschreckend.
Doch ganz kann man sich dem Big Business im Fussballgeschäft natürlich nicht entziehen. Zwischen wichtigen Mails, Instruktionen vom Chef und dem üblichen Geschäftsgelaber am Telefon mit Kunden wird sich die Zeit genommen mal eben die einschlägigen Seiten durchzuklicken. Transfermarkt.de, kicker.de, spox.com, sportbild.de. Der geübte Finger berührt mit 97 Anschlägen pro Minute die Maustaste und öffnet die Seiten schneller als jeder Wildwestheld „Um 12 Uhr mittags“ sagen kann. Das geschulten Auge filtert dann die essentiellen Infos heraus. Hier ein Überraschungscoup, dort ein Paniktransfer. Der Vormittag verläuft turbulent.
Apropos 12 Uhr mittags: Mittagspause bedeutet Ruhezeit. Ruhe, um einen ausführlicheren Blick auf das Transfergebaren zu werfen. Die Informationsfetzen vom Vormittag werden mit Interviews und Kommentaren unterfüttert. „Ich freue mich hier zu sein“, „eine große Chance“, „ein Traum geht in Erfüllung“. Profi-Heuchelei auf Twitter in 140 Zeichen.
Schweren Herzens geht es zurück an die Arbeit. Denn auch im Büro ist man vor anstrengendem Halbwissen nicht sicher. „Der Kagawa, wa? Zwei Jahre lang in England nur auf der Bank gesessen und jetzt der große Heilsbringer? Schmeißt den Zorc raus.“ wirft ein Kollege grinsend ein. Ich gebe vor zu telefonieren und wende mich pikiert ab. Sehne dabei qualifizierten Austausch mit fachkundigem Gegenüber und vor allem den Feierabend herbei.

Ich werde erhört und verschwinde aus dem Büro, als müsste ich selber noch einen Millionendeal abwickeln.
Das Abwickeln überlasse ich aber dann doch lieber den Managern und beschränke mich auf das Mitfiebern.
Zu Hause angekommen ist Sky Sport News HD (die Betonung liegt auf HD!) die Quelle meines Vertrauens. 24 Stunden lang werden hier aktuelle Sportnews gebetsmühlenartig wiederholt. Im Hintergrund von den Stimmen der adretten Moderatoren berieselt, arbeite ich mich durch die Reaktionen der Social Media auf die letzten Wechsel. Mal eben bei Facebook in die Kommentare unter den Posts der großen Sportseiten geklickt. Hauptsächlich um sich kurz besser zu fühlen, ob der offenkundigen Lese- und Rechtschreibschwäche des Großteils der Kommentierenden. Fremdscham macht sich breit.
Also lieber kurzerhand mal die Rhetorikkunst bemühen, denn man selbst weiß es dann doch am besten. Sagen auch alle 30 Follower meines Blogs.
Die Gedanken also zusammentippen, provokante Überschrift darübersetzen und absenden. Nimm das, Internet!

Mit dieser persönlichen Genugtuung lässt sich ein aufregender Tag positiv beenden. Die letzten Nachzügler unter den Wechseln werden auf dem Smartphone bereits im Bett liegend nachverfolgt.

Am Ende hat es dann doch einiges von Heiligabend: man hat gewartet, war überrascht, hat viel gelacht und auch etwas Fremdscham war dabei. Und doch freut man sich schon wieder auf’s nächste Jahr.

 

Beitragsbild: Quelle

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