Schlappe Bullen beißen doch!

Julian Schieber – Der Name stand in den letzten Jahren vor allem für ungestümes Verhalten, Glücklosigkeit, wie ein Fremdkörper wirken. Er entwickelte sich sogar zum Synonym für Unfähigkeit. Nicht selten wurden auf den Plätzen der Amateurkicker Spieler mit besonders ausgereiftem Misserfolg beim Torabschluss derart tituliert.
„Wie kann man den nicht machen? Du Schieber, du…“
Gängiger Sprachgebrauch. Wenngleich das natürlich übertrieben ist. Aber so ist er nunmal, der Amateurfussball. Immer auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Nichtsdestotrotz hat Schieber sich mit seinem Wechsel zum BVB zunächst mal keinen allzu großen Gefallen getan. Nachdem er seinen Durchbruch in der Bundesliga mit starken Leistungen beim Club aus Nürnberg geschafft hatte, wollte er den nächsten Schritt machen. Der ‚Bulle von Backnang‘, wie sie ihn in Stuttgart ob seiner körperlichen Präsenz und Durchsetzungskraft nannten, nahm die Herausforderung bei einem Champions-League-Teilnehmer und Meisterschaftsanwärter an. Dafür schlug er andere Angebote mit besserer Stammplatzperspektive, unter anderem des HSV, aus.

Im Nachhinein muss man ihm wohl ganz klar attestieren den dritten vor dem zweiten Schritt gemacht zu haben. Denn das geht selten gut.
In Dortmund erwartete man von ihm eine echte Alternative zu Topstürmer Robert Lewandowski zu sein. Dies gelang ihm während seiner gesamten Zeit in schwarz-gelb nichtmal im Ansatz. Oft wirkte er überfordert mit dem technisch hochanspruchsvollem Spielstil von Trainer Klopp. Wie ein Fremdkörper pflügte er zwischen den versierten Zauberfüßen seiner Kollegen durch die Strafräume und war wenn überhaupt nur der Mann für die letzten Minuten, in denen man mehr Physis brauchte. Quasi die menschliche Brechstange. Nicht schön, aber nützlich.
Nützlich ist ein Werkzeug aber nur wenn ein Handwerker es benutzt. Da die Dortmunder Feingeister jedoch alles andere als ausgewiesene Fachmänner für das Grobe sind, nützt eine Brechstange wenig bis gar nichts. Ihre Wirkung verpufft.
Soll heißen, dass wenn ich mich selbst in Notsituationen nur schwer von meinem technisch geprägten Stil trennen kann, bringt eine physisbasierte Variante auch nichts, da sie nicht adäquat eingesetzt werden kann. Mit schnellen Kurzpässen bringt man keinen ‚Turm in der Schlacht‘ ins Spiel.
So kam der, mit immerhin 5,5 Millionen Ablöse als Hypothek bedachte, Julian Schieber nie über seine Rolle auf der Bank hinaus.

Doch ein Moment hätte alles ändern können. Dieser Moment zeigt perfekt wie nah Glück und Pech beim Fussball beieinander liegen:
Champions League Viertelfinale 2013 zwischen dem BVB und dem FC Malaga. Es läuft die 92. Minute im altehrwürdigem Westfalenstadion. Die Anzeigetafel zeigt ein 2:2, Borussia braucht noch ein Tor um das Ausscheiden zu verhindern. Lewandowski bringt den Ball mit letzter Kraft noch einmal von halblinks Richtung Elfmeterpunkt, dort steht Schieber, köpft den Ball raus zu Reus, der bringt ihn flach zurück in die Mitte, wo Schieber versucht den Ball über die Linie zu grätschen. Dieser bleibt jedoch an Torwart Willy Caballero hängen und fällt dem dahinter stehenden Felipe Santana vor die Füße, der ihn letztlich über die Linie drückt. Der Rest ist ein Stück Fussballgeschichte. Santana durfte sich als großer Held feiern lassen, Norbert Dickel verschluckte fast sein Mikro und sie ließen T-Shirts drucken mit der Aufschrift: „Ich felipe aus“. Legendenstatus, Publikumsliebling, die ganze Palette. Wer so einen macht, dem verzeiht man es sogar, dass er später zu den Blauen nach Gelsenkirchen ging. Na gut, er wird zumindest nicht ausgepfiffen.

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Doch was wäre gewesen, wenn nicht Santana den Ball über die Linie gedrückt hätte, sondern Schieber’s Grätsche bereits den Erfolg gebracht hätte?
Natürlich wäre er damit nicht zum Stammspieler aufgestiegen, aber man hätte über viele Schwächen hinweg gesehen und ihm erst recht kein Verliererimage angedichtet. Auf dem Bolzplatz hätte sich auch niemand als Schieber ‚beschimpfen‘ lassen müssen. Zentimeter von der Restitution entfernt.

Was aber von ihm nach seinem Abgang in diesem Sommer zur Hertha aus Berlin bleibt, ist die Erinnerung an einen sympathischen Musterprofi, der sich immer tadellos verhalten hat. Nie beklagte er sich öffentlich über seine sportliche Situation. Das ist, trotz Spott und Häme, nicht seine Art. Dafür muss man ihm Respekt zollen!

Umso erfreulicher, dass er nun bei einem Verein aus dem Mittelfeld der Bundesliga, wie der Hertha, angekommen zu sein scheint. Hier vertraut man seinen zweifellos gegebenen Qualitäten und bekommt dieses Vertrauen postwendend mit einem Tor im Pokal und zwei Toren im ersten Ligaspiel zurückgezahlt. Das erste Pflichtspieltor gegen Viktoria Köln erzielte er, wie soll es auch anders sein, per Grätsche im Fünfmeterraum.

Manchmal liegen Köln-Höhenberg und Malaga näher beieinander, als man denkt.

 

Beitragsbild: Quelle

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