Die Rückkehr des süßen Schmerzes

Die meisten Fussballfans sind masochistisch veranlagt. Das ist Fakt.

So gibt es doch nichts Schöneres, als nach 90 Minuten „hinten drin stehen“, hoffen und bangen den unverdienten Siegtreffer in der 93. per Zufalls-Ping-Pong-Gestocher nach der überhaupt erst zweiten Ecke im Spiel zu machen. Nichts ist schöner, als nach vielen Leiden endlich beschenkt zu werden. Am liebsten noch unverdient. Denn: Ohne Schmerz, keine Genugtuung!
Und da nunmal selbst die erfolgreichsten Großclubs nicht in jeder Saison jeden Titel holen, kennen dieses Gefühl eigentlich alle. Leiden geht immer, egal auf welchem Niveau.

Was aber in jedem Fall niemand mag, ist in Schönheit zu sterben. Hübsch anzusehenden Fussball spielen, die Sympathien auf seiner Seite haben, aber dann am Ende doch immer wieder scheitern. Die Undankbarste aller Möglichkeiten. Im allerschlimmsten Fall sogar noch mitleidig belächelt werden. Wie der ewige beste Freund, der bis zum „Abschluss“ alles richtig macht, aber das Mädchen nie kriegen wird. Gedemütigt, bemitleidet, gefriendzoned.

Genau so kam man sich als Deutscher bei den Turnieren der letzten 8 Jahre vor.
2006 als Greenhorn vom abgeklärten Erzfeind nach emotionaler Achterbahnfahrt bis ins Halbfinale, bei der man selbst nicht so ganz wusste wie einem geschah,  kurz vor’m ersten Kuss ausgeschaltet. 2008 dann mit mehr Erfahrung noch eine Runde weiter in’s Finale, um dort dann wieder abgezockt, quasi bereits an der Haustür der Geliebten, noch abgefangen zu werden. 2010 als Außenseiter, von dem niemand etwas erwartet hat, mit unerwarteten, fulminanten Verführungsfähigkeiten abermals vom erfahreneren Widersacher ausgebremst. Kurz bevor man den Fuß in die Tür kriegen konnte. 2012 hingegen tat man sich mit zuvor vermisster Erfahrung hervor, bis man diesmal allerdings am eigenen Unvermögen scheiterte. Das Mädchen schon um den Finger gewickelt, dann aber die Kondome vergessen. Bitter.

2014 hingegen war alles anders. Zwar startete man mal wieder so, als wolle man den Titel bereits im ersten Spiel gewinnen, oder auch beim ersten Date, aber was dann folgte kannte man in der jüngeren Vergangenheit der DFB-Elf nicht mehr. Nach fehlerbehafteten, uninspirierten Spielen gegen Ghana und die USA gipfelte das neuerliche Unvermögen in einem Spiel auf Messers Schneide gegen Algerien, bei dem um ein Haar alles vorbei gewesen wäre. Das heute gültige Anspruchsdenken des deutschen Fussballs nötigte einen nach 90 Minuten Rumpelfussball gegen Algerien sich mal kurz zu fragen ob das alles noch Sinn macht, wenn man gegen solch einen Gegner in die Verlängerung muss.
Letztendlich reichte es dann auf den letzten Metern doch noch für das Viertelfinale und dieser süße Schmerz, er war wieder zurück. Nach den Jahren der fast schon chronischen Titellosigkeit sehnte man sich beinah nach ihm. Es blieb also ein Gedanke: Wir sind wieder in der Lage zu kämpfen. Uns auf die rudimentärsten Tugenden des Sports zu besinnen und temporär fehlendes Feingefühl durch Einsatz und Willen wettzumachen. Eben diese Einstellung, für die der deutsche Fussball vor der Stunde Null, dem Sommermärchen 2006, jahrzehntelang bekannt war. Mit dieser Einstellung errangen wir die Titel, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind: eine Großmacht im Fussball.

Diese wiedergefundene Fähigkeit der mentalen Stärke wurde sofort im nächsten Spiel gegen Frankreich perfekt umgesetzt. Relativ frühe Führung bis zum Ende mit Geschick und Erfahrung verteidigt und den Gegner am langen Arm verhungern gelassen. Plötzlich waren die Rollen vertauscht. Das, was uns 8 Jahre lang zuvor mit schöner Regelmäßigkeit das Genick brach, wurde nun umgekehrt angewandt. Plötzlich waren wir der Typ, der die Unerfahrenheit der Mitbewerber ausnutzte. Und wie wir das taten.

Was dann folgte machte alles wieder gut, was 8 Jahre langes Scheitern im entscheidenden Moment angerichtet haben.
Das Halbfinale gegen Brasilien als Leistungsexplosion zu bezeichnen wäre tatsächlich eine Untertreibung. In der Nacht von Belo Horizonte erlebte dieser Sport eine Supernova der Fussballgeschichte. Mit einer wohl noch nie dagewesenen Effizienz, Klasse und Durchschlagskraft wurden die Titelträume der Brasilianer in einem später in einschlägiger Presse als „Massaker“ bezeichneten Spiel mit 7:1 vernichtet und dem Erdboden gleich gemacht. Der ewige beste Freund hat plötzlich nicht nur das Mädchen für sich gewonnen, er kann sich nun nach Herzenslust an einem Bus voll Schwedinnen bedienen. Freie Auswahl und die nächste Fahrt geht rückwärts!

Mit diesem gewonnenem unermesslichen Selbstvertrauen blitzte auch Argentinien in einem konzentriertem Spiel ab. Alle hätten sie kommen können, wer solch ein Selbstbewusstsein an den Tag legt, braucht niemanden zu fürchten und wird bei jeder Frau landen.
Es war die maximale Genugtuung nach so schweren Zeiten. Und dann auch noch so, wie es sich jeder Fussballfan aufgrund der fest verankerten Neigung zum Masochismus wünscht: schmerzvoll mit Happy End.

 

Beitragsbild: Quelle

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s