Der Fluch des eigenen Anspruchs

Es ist Montagabend gegen etwa 23:50, als Schiedsrichter Ricci die Partie gegen Algerien beim Stande von 0:0 abpfiff und ich mich konsterniert, in einem transzendentalen Moment der Selbstreflexion fragte, was ich hier eigentlich mache. Ich muss mit ansehen, wie eine überforderte deutsche Nationalelf der Verlängerung entgegen taumelt. Gegen Algerien. Wahrlich keine Fussballmacht.

Fragen rauschen schemenhaft durch meinen Kopf: Muss das sein? Womit hab ich das verdient? Wie viel muss zwischen dem Portugal-Spiel und jetzt schief gegangen sein, dass das Team so auftritt? Und warum zur Hölle ist unser Torwart heute der beste Feldspieler?
Viele Fragen werden unbeantwortet bleiben.
Was nicht unbeantwortet bleibt, ist die Erkenntnis warum wir mittlerweile so denken. Das eigentliche Problem liegt in der Erwartungshaltung. Wir erwarten, ja verlangen gar, in jedem Spiel unserer Nationalelf ein Spektakel. Mindestens aber einen souveränen, ungefährdeten Sieg. Diese Erwartung hat sich in den Turnieren zwischen 2006 und 2012 nach und nach aufgebaut.

Begonnen hat alles mit dem viel zitierten Sommermärchen von 2006, bei dem das ganze Land plötzlich eine Leidenschaft für das exzessive Feiern von Siegen der Nationalelf entwickelt hat. Die teils begeisternden Auftritte des Teams passten perfekt zu dem Drumherum. Die Gier nach neuen Erfolgen wurde in den darauffolgenden Jahren größer und größer. Höher, weiter, schneller. Die Eventfan-Fraktion bekam immer neues Futter. Sei es der Durchmarsch bis ins Finale bei der EM 2008, der begeisternde Offensivfussball einer jungen Truppe zur WM 2010 oder abermals ein Erreichen der Halbfinals bei der EM 2012. Und natürlich nahm auch die Gemeinde der echten Fussballexperten die Etablierung in der Weltspitze wohwollend zur Kenntnis.

Die Erklärung mag in einem ganz simplen Strickmuster unserer Psyche liegen: Wir gewöhnen uns an positive Gegebenheiten wesentlich schneller als an Negative. Und setzen unseren Standard prompt weiter nach oben. Die Messlatte liegt so mittlerweile bei Turnieren auf dem Halbfinale. Alles darunter ist eine Enttäuschung. Das klingt zunächst mal ziemlich eingebildet, ist aber kaum zu vermeiden. Es fällt enorm schwer demütig zu sein, wenn man vom Erfolg verwöhnt wird.
So erwische auch ich mich dabei, wie ich den bloßen Fakt nicht mehr würdigen kann, eine Runde weiter zu sein. Die Art und Weise lässt sich kaum noch ausblenden. Wir haben nicht souverän gewonnen, also war es schlecht. Eine deprimierende Erkenntnis. Umso mehr sollte man versuchen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: eine Runde weiter zu sein. Nicht mehr und nicht weniger.

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